Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1849)
- Date
- 1849-03-26
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Einmat diese Voraussetzung aus eigenem Schuldbewußtsein heraus gestellt, mußte ihnen zweitens ihren Gedanken nähren: die Gleichheit des Schicksals der Juden. Allerdings trafen die Beschränkungen, Verdächtigungen, Beschimpfungen alle Juden. Nicht dieser, nicht jener war ausgenommen, sondern alle Bedrängnisse luden sich Allen auf; und so konnte man sehr leicht folgern, daß die, welche ebenso nur eine gemeinsame Erlösung zu erwarten hatten, wie sie unter gemeinsamen Joche seufzten, sich untereinander zu gemeinsamen Streben verbunden hätten. Und dazu hatte man denn einen weitern Grund darin, daß doch jedenfalls eine Verbindung unter den Juden startfand: der gemeinsame Glauben, manche uralte Sitte, die gleiche Abstammung, die Berheirathung untereinander, und mancher, nothwendig sich herausgebildeter gemeinsamer Charakterzug. Daher hatte man sich eine Verbindung unter den Juden auch im politischen Streben gedacht, und will man eine Solche sich jetzt abermals denken. Man konnte dann um so leichter die altbcliebte Solidarität, nach der man das Böse eines oder mehrer Einzelnen allen Juden auf die Schultern packt, in weitere Anwendung bringen, wie man dies jetzt abermals thut. Und doch ist dies Alles völlig unwahr, völlig unbegründet. Nein! eS hat niemals unter den Juden eine politische, literarische oder wie welche Verbindung stattgefunden, ja nicht einmal eine kirchliche, da von jeher jede jüdische Gemeinde unabhängig und selbstständig nebeneinander bestand, und erst Staatsgesetze eine Anzahl derselben zusammenbandcn. Auch dafür sind die Ursachen leicht nachzuweisen. Ich will nicht einmal darauf Hinweisen, daß in den Juden seit den ältesten Zeiten der Geist der Zerstreuung vorwaltete. Kaum hatte David die zwölf Stamme mühselig und gegen viele Rebellionen zusammengebunden, als mit Salomo's Tode das kleine Volk sich Ln zwei Reiche trennte, sich selbst so auf den Tod verwundend. Die zehn Stämme, die Salmanassar fortführte, kehrten nie wieder nach Palästina zurück. Von den zwei Stämmen, die Nebuchadnezzar exilirte, ging nur eine kleine Zahl nach Jerusalem wieder. Während des zweiten Tempels lösten sich unaufhörlich zahlreich Auswanderer ab, so daß bei der Zerstörung desselben schon selbst am Rhein jüdische Kolonieen bestanden. Während des Mittelalters zogen die Juden immerfort von Land zu Lande; und noch jetzt sehen wir sie zahlreiche Gemeinden in Nordamerika und selbst in Australien bilden. Ich sage, sehen wir über diese geschichtliche Erscheinung hinweg, so hat doch zu keiner Zeit ein Band die Juden selbst eines Landes umschlungen, wenn es ihnen nicht von der Staatsregierung aufgelegt worden. Der Geist der Unabhängigkeit war in ihnen stets so groß, daß von einer freiwilligen Unter- oder Einordnung nie die Rede war. Selbst in der neuesten Zeit kostete es die größte Mühe und Opfer, wenn man eine größere Zahl Gemeinden nur zu einer gemeinsamen Demonstration, zu einer Petition oder Adresse bringen wollte. Es will halt jeder selbst der Mann sein. Eine fernere Ursache war und ist aber, daß die Gesammtmasse der Juden auf den verschiedensten Stufen der Bildung steht, so daß an eine Gemeinsamkeit weder des Verständnisses noch der Verständigung zu denken ist. Hierzu tritt endlich, daß die Gesammtmasse der Juden auch die verschiedenartigsten Interessen birgt, so daß sie nicht in Einem und Demselben deren Erledigung findet. Es war z. B. öfter nicht blos eine Gemeinde, die sich gegen die Freizügigkeit erklärte, und die Niederlassung anderer Juden, so viel es an ihr war, hintertrieb. Alle diese Fakta: der Geist der Zerstreuung, der Unabhängigkeit, die Verschiedenheit der Bildung und der Interessen, erklären wol hinreichend, daß unter den Juden niemals eine Verbindung stattgefunoen. Sie litten gemeinschaftlich, aber sich gemeinschaftlich zu wehren, daran dachten sie weniger selbst, als es vielleicht die gewöhnlichste Klugheit lehren konnte. Darum können wir auch heute nur ganz wie nach 1830 diese ganze Behauptung als falsch, als erfunden erklären, um zu irgend feindseligen Schlagen einen nur irgend handlichen Grund zu haben. Auch jetzt wiederholen wir abermals, daß es unter den heutigen Juden von allen politischen Parteien und Ansichten giebt, die sich oft wahrlich nicht freundlich betrachten, daß daher weder innerlich, noch äußerlich von einem verbundenen Streben, von einer einseitigen Richtung in der Gesammtmasse der Juden auch nicht eine Spur ist. Beweis genug liefert die Art und Weise, wie im Laufe des Jahreö die Juden bald von der konservativen, bald von der demokratischen Partei angegriffen und verdächtigt worden, je wie diese Parteien die Individuen in der Reihe der Gegner in's Auge fassen. Wir dürfen die Erscheinungen der politischen Wett nicht oberflächlich fassen, und erwarten daher nicht den