Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1849)
- Date
- 1849-03-19
- Page
- Seite 163 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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163 rade in den Gegensatz zu den Peripatetikem stellend, wollen Nichts von allgemeinen Gesetzen hören, und erkennen in Gott nur besondere Absichten, festgestellt von Ewigkeit, die biS in den geringsten Details die Existenz jedes Individuums bestimmen. Die Lehre der Motazales bietet die vierte Lösung. Nach diesen erstreckt sich die Vorsehung Gottes, und nicht allein die Vorsehung, sonder» seine Gerechtigkeit, seine Vergeltung ohne Unterschied auf alle Wesen, selbst auf die, welche weder die Freiheit, noch das moralische Gefühl erreichen. Kein Geschöpf, sagen sie, nicht ein Thier oder ei» Insekt, noch ein Wesen unserer Art, leidet ohne zukünftigen Ersatz, genießt, ohne es verdient zu haben: so wird die unschuldige MauS, die unter dem Zahne der Katze fällt, in einem andern Leben den Ersatz ihres Schmerzes finden. Endlich die fünfte Meinung, die über die Vorsehung besteht, ist, daß sie auf die Individuen nur im Kreise d«S menschlichen Geschlechts sich erstreckt, hier, wo die Freiheit und die Vernunft besteht, das Verdienst und die Pflicht, daß sie anderswo überall sich nur mit den Gattungen und Arte» beschäftigt, und das Individuum den Gesetzen der Natur überläßt. Die Meinung des Epikurs verschwindet vor den Beweisen der Existenz Gottes; die des Aristoteles vor den Beweisen der Schöpfung; denn es existirt außer Gott keine ewige Macht wie er; wenn die Natur von ihm allein die Gesetze empfangen hat, welche sie beherrschen, so ist es klar, daß Nichts seine Thätigkeit begrenzen kann und daß seine Vorsehung sich ebenso weit erstrecken kann, als es ihm gefällt, das heißt als seine Weisheit eS erfordert. Die Ascharisten, indem sie sich ausschließlich mit der göttlichen Einsicht beschäftigen und zeigen wollen, daß Alles vor ihr von Ewigkeit her gegenwärtig ist, unterdrücken die menschliche Freiheit, und folglich das Verdienst, die Gerechtigkeit, die Unterscheidung des Guten und Bösen, und ebenso die Wissenschaft: denn jede wissenschaftliche Kennlniß beruht auf der Unterscheidung des Möglichen, Unmöglichen und Nothwendigen; und diese Unterscheidung ist in dem System der Ascharisten vernichtet. Die Motazales gelangen durch eine andere Uebertreibung zu demselben Resultate. Was sie vor Allem zu verlheidigm suchen, das ist die Gerechtigkeit Gottes, die vergeltende Macht oder die moralische Vorsehung; aber da sie die Konsequenzen dieser Idee auf die der Freiheit und jedemoralischen Charakters beraubten Wesen auSdehnen, vermischen sie den Menschen mit der Bestie, die freie» und intelligenten Wesen mit den blinden Kräfte» der Natur. Es bleibt also die letzte Meinung übrig, welche MaimonideS für die wahre, für die zugleich die Vernunft und den Glauben, das Judenthum und die Philosophie zu befriedigen allein befähigte anerkennt. Jndeß bemerkt er, daß, da unsere intellektuelle» und moralischen Fähigkeiten unfern alleinigen Anspruch auf den Schutz der Vorsehung begründen, dies« nicht dieselbe sein könne für alle Individuen der menschlichen Gattung, sondern daß sie mehr oder weniger speziell sei, daß ihre Thätigkeit, ihre Inspiration sich auf eine mehr oder weniger unmittelbare Weise fühlbar mache«, nach den verschiedenen Graden der Tugend, Frömmigkeit und Weisheit, die bei den Menschen vorhanden find (III, 17. 18.)." (Schluß folgt.) Aachen, im Februar 1849. Jüdisch-soziale Fragen. Fünfter Artikel. Aeber das Bedürfniß eines jüdischen Bolksblattes. Was die israelitische Presse, besonders die periodische seit zwei Jahrzehenden Großes geleistet und gewirkt hat, wer wäre im Stande es abzusehen, oder zu berechnen! Unschätzbar ist ihr Verdienst um Wissenschaft, wie um religiöse Aufklärung, um Volksbildung wie um Erkämpfung der politischen Rechte. So sehr man indessen dieses Verdienst anerkennen möge, so wird man doch gestehen müssen, daß die Thätigkeit der Presse fast ausschließlich dem gebildetem oder gar dem gelehrten Publikum gewidmet war. Den niederen Schichten des Volkes kam sie daher nur sehr spärlich zu Gute, und zwar aus zwei Gründen: Erstens war das Meiste was geschrieben worden, nicht populär genug gehalten, um von der weniger gebildeten Volksklasse aufgefaßt werden zu können, zweitens war es wegen des zu hohen Preises dem gemeinen Manne nicht zugänglich. Es ist schon früher in diesen Blättern das Bedürfniß guter jüdischer Volksschristen ausgesprochen worden; es sind auch einige Broschürchen dieser Art erschienen; allein ihr Leserkreis blieb viel zu klein, und ihre Zahl war zu gering, als daß sie Erhebliches hatten leisten können. Auch mag es an der nöthigen Aufmunterung von Seiten des jüdischen Publikums gefehlt haben. Wir möchten daher einen andern Weg Vorschlägen, der uns sicherer zum Kiele zu führen scheint.