Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-03-12 · Heft 11 (12.3.1849) · p. Seite 140

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 11 (12.3.1849)
Date
1849-03-12
Page
Seite 140 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225618--10043-3240069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I 140 Bezirkes in Korrespondenz zu setzen, ihnen gestellten Gemeindeschulen als wählbar erklärt, und somit wieder ein kräftiger Schritt zur Verwirklichung des längst ersehnten Prinzipes gethan worden, können wir diese Bestimmung nur mit Zubel begrüßen. Aber mögen wir uns nicht zu sehr von dem Applaus der großen Menge Hinreißen lassen, sondern unser Ohr auch den disharmonirenden Tönen, die darin nachhallen, leiben, und diese Mißtöne, diese Schattenseite ist die nach unserer unmaßgeblichen Ansicht nothwendig daraus resultirende Vernachlässigung des israelitischen Religionsunterrichtes. Die in Bälde zu erwartende Einführung der allgemeinen Unterrichtssteuer wird sicherlich auch auf die Preußen israelitischer Konfession ausgedehnt worden, wie aber sollte es dann den kleineren israelitischen Gemeinden, die doch die überwiegende Mehrzahl bilden, möglich werden, neben der vom Staate erheischten Schulsteuer, auch noch die Erhaltung einer besondern Religionsschule, die schon ohnedies nur durch die höchste Kraftanstrengung und nicht ohne bedeutende Opfer Einzelner gesichert wurde, zu erzielen? Eine unausbleibliche Folge der Verwirklichung jenes Prinzipes wäre, daß die indifferenten Gemeinden den Religionsunterricht gänzlich ignorirten, andere, um wenigstens den Schein zu retten, diesen wichtigsten Unterrichtsgegenstand, wie in der guten alten Zeit, jedem asylsuchenden Bachur anvertrauen würden. Daß aber gerade der geisttödtende Mechanismus jener antiken Subjekte eine Hauptursache der heillosen Entfremdung, der eisigen Kälte gegen jedes religiöse Streben ist, wird Niemand bezweifeln, denn wo nur der Kopf gefüllt, nicht aber das Herz erwärmt und ergriffen wird, da kann nimmer eine bleibende Theilnahme erzielt werden. Auch die Lehrer selbst würden unter den zu erwartenden Verhältnissen aus der Scylla in die Eharybdis gerathen, denn ist auch deren Wählbarkeit von Seiten des Staates anerkannt, so werden doch solche Fälle, wo die Gemeinde — und lediglich der ist es ja anheimgestellt — einen israelitischen Lehrer wählt, zu den höchsten Seltenheiten gehören. Der größte Theil der Lehrer wäre demnach indirekt außer Amt gesetzt, da auf sie, als Nichtstaatsdiencr, jener Passus des Verfassungsentwurscs, wonach bei erledigten Stellen den vorhandenen nichtbeamteten Staatsdienern besondere Berücksichtigung verheißen wird, keine Anwendung findet. Wir möchten daher unsere geehrten Kollegen dringend bitten, sich mit den Abgeordneten ihres die Sache mit einfachen und kräftigen Worten zu schildern und sie um Befürwortung unserer Wünsche zu ersuchen. Mögen wir den geeigneten Augenblick benutzen! Ist einmal das Gesetz abgeschlossen, dann könnten sich sehr wahrscheinlich die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit, trotz der auf dem Papier verbürgten Freiheiten, für uns erneuern. B. Alsbach. Bon der Peene, 22. Februar. (Privatmitth.) Heute, verehrter Herr Doktor, wollen Sie mit einem bunten Allerlei fürlieb nehmen, wobei ich mich überdies recht kurz fassen werde. Viel zu schreiben fehlt es mir gerade nicht an Stoff und Lust, wol aber an Zeit, und darum will ich wie gesagt ganz kurz sein, wodurch meine Mittheilung dem Leser wenigstens das eine Angenehme bietet, daß sie keine Megilla ist. Da ich hier von Megilla spreche, kann ich nicht mitzutheilen unterlassen, daß man in einigen Gemeinden damit umgehen soll, das Buch Esther am Purim deutsch vorzulesen und zwar in einersehr modernen Uebersetzungsweise, so soll anstatt Achaschwcrosch: Ahasver, statt Esther: Ernestine, statt Mardechai: Markus, statt Haman: Herrmann, statt Seresch: Suschen gelesen werden, damit die alten häßlichen Namen in den modernen ästhetischen Ohren, namentlich der Zuhörerinnen etwas hübscher klängen; ferner soll die Anordnung getroffen sein, daß jedesmal bei Erwähnung des Exminister Haman Exzellenz nicht „geklopft", sondern ein Pereat ausgebracht werden soll. Es ist dies eine kolossale Reform! Nun noch Etwas über die Gemeindeverhältnisse. Wie man hört, fallen jetzt einige Gemeinden damit umgehen, sich auf's Neue zu konstituiren und neue Statuten einzuführen. So die Gemeinde zu Stettin, die durch das segensreiche Wirken des Herrn vr. Meisel, so wie durch die Bemühungen des dortigen Vorstands, der noch immer den verdienstvollen Herrn Louis Lewy an der Spitze hat, sich noch immer blühend erhält; fo die Gemeinde zu Prenzlau, von der ich bei Gelegenheit vielleicht Ausführliches berichte und endlich auch die Gemeinde zu Anklam, auf die ich ebenfalls in einem besondern Artikel zurückzukommen gedenke. Es wäre sehr zweckmäßig, wenn die in Rede stehende Reorganisation deö Gemeindewesens recht bald vor sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.