Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1849)
- Date
- 1849-03-05
- Page
- Seite 134 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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134 die Frauen der eben abgezogenen Landstreicher sind. Hilst Nichts! Die mit dem Säugling behauptet ihren Mann schon vor drei Jahren verloren zu haben und die Andere ist nie verheirathet gewesen; der Knabe ist ihr Adoptiv? sohn. — Nicht wahr, Ihr drückt ein Auge zu und gebt abermals? — Eine Stunde später kommen ein paar jämmerlich weinende Knaben von zehn bis zwölf Jahren. Ihre Eltern, heißt es, sind im nächsten Dorfe krank geworden; sie bedürfen einer ganz besondern Unterstützung. Ihre Züge beweisen unverkennbar, daß es die leiblichen Kinder jener Sippschaft sind. Gott bewahre! Die Knaben schwören hoch und theuer, daß ihre Worte wahr seien und wenn Jhr's nicht glauben wolltet, so möchtet Ihr lieber mit ihnen auf das Dorf gehen. Obgleich es nur eine Meile weit ist, so zieht Jhr's doch vor, zum dritten Male in die Tasche zu greifen, als Euch die kleine Motion zu machen. — Als Ihr eben zu Tische gehen wollt, keucht ein altes Mütterchen in's Zimmer. Sie sieht elend aus und ächzet zum Erbarmen. Der Jammer schneidet Euch in's Herz, Ihr laßt ihr Speise und Trank reichen und beschenkt sie obendrein. Doch ach! nachdem sie gegessen, kann sie nicht von der Stelle, sie ist, wie sie sagt, altersschwach und kränklich und durchaus nicht im Stande, die nächste Stadt zu Fuße zu erreichen. Ihr laßt Euch durch ihr Gewinsel verleiten, ihr den Fahrpreis bis in die Nachbarstadt einzuhändigen und sie verläßt unter lausend Segenswünschen Euer Haus. — Nachmittags macht ihr mit den Eurigen einen Spaziergang. Beim Nachhausegehen begegnet Euch, in rührender Eintracht, die ganze liebe Familie, von der Großmutter bis zu den Enkellein, welche, die Alte lustig voran, in einer der Nachbarstadt entgegengesetzten Richtung Euern Ort verlaßt. Ihre heiteren Mienen verkünden, daß sie eine gute Lese gehalten haben. Ein anderes Mal meldet man Euch einen wohlgekleideten jungen Mann, von feinem Aussehen, begleitet von einem Lohndiener. Er ist angeblich von sehr schöner Familie und befindet sich in einer nie gekannten Verlegenheit. Sein Reisegeld ist ihm ausgegangen und er wagt es nicht, Jemandem lästig zu werden. Zum Unglück hat er seine Effekten schon vorausgeschickt und besitzt daher nicht einmal mehr Etwas, was er dem Pfandhause übergeben könnte. Euch hat er ausnahmsweise die Ehre seines Besuches zugedacht. Er will kein Geschenk, blos ein Darlehen von einigen Thalern, auf Grund der schönen Empfehlungsbriefe, die er Euch vorzeigt, um in zwei Tagen zu seinen reichen Verwandten, die er Euch namhaft macht, gelangen zu können. Euer Scharfblick berechnet schnell, daß wol ein angemessenes Geschenk mehr in Euerm Interesse sein dürste und Ihr zeigt Euch sehr honnett gegen ihn. — Einige Tage darauf besucht Ihr ein Kaffehaus. „Wer spielt doch da drüben Billard? Das Gesicht ist mir bekannt. Ei! mein unglücklicher Reisender aus der vorigen Woche; das gefällt mir." Bei Eurer Nachhausekunft seht Ihr einen Troß von Gassenbuben Euere Hausthür umlagern. „Was giebt's!" O weh! ein paar langbärtige Polen sind eben eingetreten. Zu gleicher Zeit befinden sich in Euerm Laden zwei vornehme Käuferinnen, die ihre Näschen ein wenig zu rümpfen scheinen. Der eine Pole, ein Autor, spricht nur hebräisch; der andere, der Wortführer, präsentirt Euch, unter vielen Bücklingen, außer einigen glänzenden Zeugnissen der angesehensten Rabbiner, die Subskriptionsliste zu einem gelehrten hebräischen Werke, von dessen Titel Ihr schon kein Jota versteht. Er deutet zugleich mit Ehrfurcht auf die Unterschriften von Rothschild, Montefi'ore und anderer Notabilitäten und blickt Euch so schlau an, als wollt' er sagen: „Trösten Sie sich, Sie werden wenigstens in guter Gesellschaft gefoppt und das für den Spottpreis von einem Thater!" — Was thut Ihr? Kann man fragen? Ihr unterschreibt, weil Ihr wißt, daß jedes Sträuben doch vergebens sein würde. Die Polen empfangen das Geld, küssen mit Inbrunst den Zipfel Eures Rockes und die Mesusa und entfernen sich kriechend. — Schade um Euern Thaler! — Ihr vernehmet später zufällig, daß die würdigen Herren in einem Hause von zweideutigem Rufe gesehen worden und nun mögt Ihr selbst berechnen, wann das Buch eintreffen wird. — Doch genug des Scherzes. Die Sache ist nur zu ernst; denn es ließe sich ein Buch anfüllen mit den verschiedensten Beispielen ähnlicher Ausbeutung unserer Gutmüthigkeit. Glaubt man nun, daß diese unablässige Langmuth des Gebens und Wiedergebens wirklich Wohlthätigkeit sei? Wir wagen dieses auf das Bestimmteste zu bestreiten. Eine Wohlthat ist nur diejenige Gabe, welche gut angewendet worden. Darum kümmern wir uns aber in den wenigsten Fallen. Wir geben dem umherstreifenden Bettler aus Gewohnheit und weil es einmal so Sitte ist, fast ebenso sehr, um uns von seiner Belästigung zu befreien, als um etwas Gutes zu verrichten; denn wir wissen ja nicht, ob wir in der That nicht etwas Uebles thun, indem wir den uns völlig fremden