Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1849)
- Date
- 1849-02-19
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
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110 Rabbiner eine mehr geistige ist, da muß die Berührung des Rabbiners und seiner Gemeindemitglieder eine unmittelbare sein. Gemeinden, welche wegen ihrer Entfernung das Wort des Rabbiners überhaupt gar nicht oder nur selten vernehmen, für diese ist er deshalb fast so gut wie gar nicht vorhanden. Die alte Einrichtung umfangreicher Sprengel ist demnach hiermit von selbst gerichtet. Man verhehle es sich darum nicht, das Judenthum erfordert Männer sowol von allgemeiner, als spezifisch jüdischer Bildung, nicht nur um den positiven Inhalt seiner Sonderlehre zu wahren und das ewig fruchtbare Feld seiner Ethik zu bearbeiten, sondern auch den Uebergang zu vermitteln von der frühern Stufe eines gedankenlosen Formalismus zu der lebensvollen Anschauung seiner geistigen Grundlagen. Also der geistige Verkehr des Rabbiners mit der ihm anvertrauten Gemeinde durch Wort und Belehrung ist erforderlich und durchaus nicht mehr zu entbehren. Wie überhaupt die frühere symbolische Gottesverehrung durch materielle Opfer in die geistige Sprache des Gebets übersetzt worden, so ist auch für die formelle Thätigkeit der Rabbiner das lebendige Wort der Belehrung, des Trostes, der Warnung und Ermunterung an die Stelle getreten. Wir aber wollen nicht blos von der Aeußerlichkeit reden, daß die Predigt als das bewegliche Element des Gottesdienstes allein es vermag, demselben stets neuen Reiz zu verleihen und das schwache Interesse für die Religion zu starken, das erstorbene wieder zu beleben, sondern auch davon, daß sie nicht eine leere Form bleiben darf, welche die Lehren des spezifischen Judenthums zu wenig berücksichtigt, wie auch Geist und Herz der Zuhörer nicht in entsprechender Weise würdigt. Beides, sowol die Anforderungen, welche der gegenwärtige Entwickelungsgang des Judenthums stellt, als auch der Umstand, daß die Bildung überhaupt allgemeiner und der Grad derselben auch bei dem Publikum ein höherer geworden ist, läßt es für die Gemeinden nicht mehr zu, das Predigeramt als ein leichtes und nebensächliches anzusehen. Es würde die Folge haben, daß eine große Fraktion der heutigen Juden die Predigt sehr bald als etwas Ueberflüssiges oder Gleichgiltiges betrachtete, so die Predigten nicht auf die Dauer zu befriedigen vermöchten, oder die Bildung des Predigers die der Zuhörer nicht hoch genug überragte. Dr. Rothschild. III. Aachen, im Februar 1849. Indisch-soziale Fragen. Dritter Artikel. Ueber die Abneigung gegen den Betrieb von Handwerk und Feldbau. Seit vielen Jahren ist von Vereinen und von einzelnen Menschenfreunden mit wahrer Aufopferung dahin gewirkt worden, unter den Juden den Betrieb der Handwerke und zum Theil auch des Ackerbaues in stärkere Ausnahme zu bringen. Man müßte sehr undankbar sein, um diese Bestrebungen wackerer Männer nicht rühmlichst anzuerkennen. Wenn man indessen die statitischen Angaben der verschiedenen Jahresberichte mit der jüdischen Bevölkerung vergleicht, so wird man mit Betrübniß finden, daß die Bemühungen jener Menschenfreunde bei Weitem nicht nach Gebühr gewürdigt, noch auch die Resultate nur annähernd erzielt worden sind, welche man nach Verhältniß der Population zu fordern berechtigt wäre. Dieses traurige Ergebniß hat einen zweifachen Grund: Erstens — mit tiefer Beschämung sprechen wir es aus — finden die zu dem fraglichen Zwecke bestehenden Institute eine viel zu spärliche Unterstützung von Seiten der Glaubensgenossen. Zweitens: Ist die Abneigung gegen den Betrieb der Gewerbe und des Landbaues unter den niederen Volksktassen der Juden zur Zeit noch sehr groß. Verlangt man für das Erstere Belege, so brauchen wir nur beispielsweise auf die Rechnungsabschlüsse der herrlichen Haindorf'schen Anstalt in Münster hinzuweisen, welche in der Regel mit einem Defizit endigen, das dann der treffliche Stifter aus Privatmitteln zu decken pflegt. — Kaum sollte man es für möglich halten, daß namentlich die Juden der preußischen Rheinprovinz, welche an den Wohlthaten dieses Instituts direkt betheiligt find, aber am Wenigsten dazu kontriduiren, die Demüthigung ertragen könnten, welche für sie in diesen Zuschüssen des Gründers liegt, und dennoch ist das Gesagte leider reine Wahrheit. Nach diesem einen Beispiele wird man uns gern die Aufzählung anderweitiger Beweise für unsere obige Behauptung erlassen und den Wunsch gerechtfertigt finden, daß man doch solchen segensreichen Instituten eine lebhaftere Theilnahme zuwenden möge. Was nun die erwähnte Abneigung betrifft, so wer-