Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1849)
- Date
- 1849-02-19
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 vor jenem Sinai des göttlichen Gesetzes, vor dem leuchtenden und flammenden Horeb der Wahrheit und des Rechts, getragen auf den Adlerflügeln der göttlichen Vorsehung, zu ihm gebracht, bestimmt, Priester Gottes zu sein, befähigt, ihm geheiligt über die Erde zu wandeln: und da ergehet an Jedweden von uns die Frage: willst du thun, was Gott geredet? willst du wandeln nach Recht und Pflicht, nach dem Worte des Herrn, das er in dein Inneres geschrieben, und nach dem Worte, das dir verkündet worden? O daß ein Jeder da von uns spräche, wie Israel gesprochen: ltn 'tt -M8 ^2 Alles was Gott geredet, wollen wir thun! spräche und vollführte, verspräche und thäte, ausspräche und erfüllte! M. Fr.! Diese Frage ergehet an uns jeglichen Tages, jedweder Stunde; nicht blos an den Jüngling, wenn er an dem Scheidewege des Lebens steht, nicht blos an den Mann, der strebt und wirkt, auch an den Greis, deß Pfad sich zum Ende neiget, ja, noch einen Tag vor dem Tode. Und ob wir antworten, wie Israel geantwortet, und nicht blos mit dem Munde, sondern mit dem Herzen, und mit der That, und mit Opfer und Hingebung — Er weiß es, der Herz und Nieren prüft — ■niöN 'n rmn2 "pn Heil denen, deren Weg unsträflich, die da wandeln in des Ewigen Gesetz! II. Und als das Volk also die Verpflichtung zum Gesetze auf sich genommen, da sprach der Ewige zu Mosche: „geh zum Volke und heilige es heute und morgen, und daß sie ihre Gewänder waschen, und bereit seien zum dritten Tage." Bevor die Verkündigung stattfand, sollte ganz Israel sich heiligen, sich äußerlich und innerlich reinigen, in eine höhere Stimmung versetzen, und so das Gemüth geeignet machen zum Empfang der göttlichen Lehre. M. Fr.! Wenn wir zuerst erkannten, daß es auch an uns zu aller Zeit ist, die Verpflichtung zum Gesetze in uns auszusprechen, so ist es auch nicht zu verkennen, daß auch wir dem göttlichen Gesetze gegenüber der Heiligung, innerer wie äußerer Heiligung bedürfen. Und dies müssen wir gerade dem jetzigen Menschen gegenüber geltend machen. Es ist nur zu wahr, der jetzige Mensch glaubt ohne Gottesdienst, ohne Gebet, ohne äußere Erinnerungs- und Erhebungsmirtel im Guten und in der Verehrung Gottes bleiben zu können. Während der frühere Mensch die religiösen Formen in ihrer Vorgeschriebenheit, selbst ohne den Inhalt, für verpflichtend hielt, und freilich auch dahin gelangte, genug gethan zu haben, wenn er so und so viel Thiere zum Opfer gebracht, oder so und so viel Gebetworte ausgesprochen hatte, ja selbst oft ein arges Handeln, ein Gotdzuwiderthun hinter diese äußere Frömmigkeit verbarg, und jenes mit dieser ausgewogen glaubte— so halt sich der jetzige Mensch für so selbststark, für so kräftig und genügend, daß er der religiösen Erweckung und Erbauung gar nicht bedürfe. Wie aber? Sehen wir nicht, daß er sich dadurch alles religiösen Bedürfnisses immermehr entschlägt? Sehen wir nicht, daß, je mehr er sich dem Gottesdienste entzieht, die Verehrung, die Anbetung Gottes immer mehr ihm entschwindet? Lockern sich nicht die Bande, die ihn an Gott fesseln, immer mehr? weicht nicht die Heiligung, die Weihe des Gemüthes immer mehr aus ihm? Und beweist es etwa sein Handeln? Erleben wir es nicht täglich, daß noch dieselben Leidenschaften in ihrer ganzen Wildheit die Welt der Menschheit beherrschen? Ist mehr Weisheit, mehr Aufopferung, mehr Ruhe und Selbstbeherrschung unter den Menschen heimisch, denn früher? Oder sehen wir nicht die Selbstsucht, die Habgier, die Herrschsucht überall lebendig, überall voran, überall gewaltthätig? Ja, noch weiter; unter dieser Entfernung von allem Religiösen haben nicht selbst die stillen Tugenden gelitten, die das Herz schmücken? Hat die Barmherzigkeit nicht abgenommen? ist die Versöhnlichkeit, die Sanftmuth nicht tobender Schimpfsucht, blöder Rachgier gewichen? hat nicht das Familienleben abgenommen? Ja, gehen wir noch weiter, bei der allgemeinen Entfremdung von gottesdienstlichem Leben, von frommer Erhebung in Gott sehen wir nicht die alten Heiligthümer der Menschheit, Ehe, Eigenthum, in Frage gestellt und von entarteten Wüstlingen verleugnet? Nun wohl, so wäre es doch Zeit, daß die Augen geöffnet werden. Der Mensch kann nimmer der religiösen Heiligung entbehren, er muß sich gottesdienstlich läutern und heiligen, so er Gott und der Tugend, dem Recht und der Liebe auf die Dauer angehören soll; und wenn das Wort der Wahrheit und des Gesetzes noch so erhaben und einfach ist, es findet keine Stätte, so nicht das Gemüth von Ehrfurcht und Erhebung durchdrungen worden. . .. Nein! was gewesen, soll nicht wiederkehren; was verlebt und todt ist, kann nicht wieder lebenoig werden. Also jenes weitschichtige Aeremonienwesen, Niemand kann daran denken, daß die junge Welt zu ihm zurückkehren werde — aber Gottesdienst, Gottesverehrung, Gebet, Weihe, diese muffen wieder Bedürfnis der Menschen werden, oder