Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1849)
- Date
- 1849-02-12
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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87 und Geistesfaden am Judenthume sestgewachsen, daß man in dieser Zeit gar nicht weiß, worauf man seine Thätigkeit, sein Streben richten solle. Die Trägeren sagen: man muß es abwarten; man muß harren, bis sich die Richtung der Zeit geändert hat. Ja, wartet und harret nur, bis der letzte Funken erloschen, bis der letzle Faden abgerissen ist. Die positive Religion bedarf der lebendigen Tradition; nicht jener verknöcherten Tradition, welche der Gegenwart alle gestaltende Kraft abspricht, und stch lediglich an eine abgeschlossene, von den Vätern überkommene Tradition hält; nicht dieser; sondern der lebendigen, d. h. wo ei» Geschlecht dem andern die Liebe zur, die Befriedigung an der positiven Religion aus dem Herzen in das Herz legt. Ist diese Kette, diese Kette des Lebens einmal unterbrochen, ist eine, sind mehrere Generationen darüber hinweggegangen, daß die positive Religion gelebt in den Geistern — dann ist es schwer, sehr schwer, daß sie wieder erwacht. Nein! es verhält stch so nicht blos mit Gebräuchen und Sitten; auch mit der Lehre ist es so und nicht anders. Und darum kann es doch nicht anders geschehen, als daß wir uns Alle wenden, die noch mit ihrem ganzen geistigen Sein im Judenthume wurzeln. Nicht wahr, Ihr saget auch: wir haben nicht zu schwarz gemalt? Wolan, seid Ihr der Kraft schon so baar, daß Ihr meinet, man müsse es aufgeben? Nein! erwachet. Schüttelt den Staub von Eueren Füßen. Gürtet die Lenden, und seid thätig und rüstig. Es kan» Niemand dem Andern sagen, dies thue, und dies, wol aber: Thue. Die Zeit ist erregt, so wendet die Erregung der Zeit auf das, was Noth thut. Sprechet, versammelt, regt an, weiset auf den Untergang hin, erinnert an das, was das ewige Gut der Menschheit ist, was das Ganze und der Einzelne nicht entbehren kann. Fürwahr, unsere Zeit birgt so viele Täuschungen in ihrem Schooße, daß es sich an diese Täuschungen anknüpfen lassen muß, um wieder das in die Seele zurückzurufen, was für alle Täuschungen Trost und Ersatz reichet. Wie viel ist gehofft, wie wenig erreicht worden! Täuschet Euch nicht mit Eurer Emanzipation; wo die ganze Menschheit nicht emanzipirl worden, wo rohe Gewalt — nicht blos von oben, sondern auch von unten — erinnert Euch, wie in den Jubelruf der Emanzipation die Seufzer verfolgter Judengemeinden drangen — ich sage, wo rohe Gewalt die Herrschaft führt und sichert, wo der Strom der Bewegung schnell wieder rückwärts gegangen und sich aufstaut, wo im Grunde Nichts, Nichts «rreicht worden, als ei» Schein, als ei« hohles Truggebild« — wie sollte da das bloße Wort, die Phrase der Emanzipation «in Anderes sein, als ein Schein, dem der innerste Lebcnskera fehlt?! Nun, so müssen auch wir das Ewige suchen, was immer bleibt, was immer erquickt und tröstet. Lasset es nicht fahren, gebet es nicht hin. Möge daher ein neuer Feuereifer erwachen in der Brust alle« Lehrer und Vorsteher Israels, um zu wecken und zu warnen!... Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 1. Februar. Die soeben erschienene No. 10 des 9ten Jahrg. des Ministerialblattes enthält eine wichtige Zirkularverfügung. Dieselbe lautet: 463) Zirkularverfügung an sämmtliche königl. Regierungen, so wie an das königl. Polizeipräsidium Hieselbst, betreffend die Naturalisation fremder Juden, so wie die Bewilligung eines temporären Aufenthalts für ausländische jüdische Gewerksgehilsen, Gesellen, Lehrlinge oder Dienstboten, vom 13. Dez. 1848. Von mehreren Regierungen ist noch neuerlich zur Bewilligung eines temporären Aufenthalts für ausländische jüdische Gewerksgehilfen, Gesellen, Lehrling« oder Dienstboten nach Vorschrift des '§. 71 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 die Genehmigung des Ministeriums des Innern nachgesucht worden. Nach der gegenwärtigen Lage der Gesetzgebung sind die Regierungen jedoch befugt, diese Genehmigung zu ertheilen. Nachdem bald nach Emanation des Gesetzes vom 6. April d. I. hinsichtlich des bei Naturalisation fremder Juden zu beobachtenden Verfahrens Zweifel angeregt worden, hat das Ministerium Veranlassung genommen, über diesen Gegenstand an des Königs Majestät Bericht zu erstatten, worauf in einer allerhöchsten Ordre vom 7. Juli d. I. bestimmt worden: daß in Zukunft die Naturalisation ftemder Juden von keinerlei anderen Bedingungen, als die Naturalisation ausländischer Christen abhängig gemacht und für die den Juden zu ertheilenden Naturalisationsurkunden keine höheren Stempel als für andere solche Urkunden verwendet werden sollen. Wenn es hiernach schon zur Naturalisation ausländischer Juden ferner nicht mehr der diesseitigen Ge-