Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1849)
- Date
- 1849-02-05
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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78 res Gefühl zurückgeblieben wäre, so würde sich dies entschuldigen lassen, allein dem ist nicht so, die jüdische Religion gebietet Achtung und Ehrfurcht vordem Staatsoberhaupte, so wie den Gesetzen und der bei Weitem überwiegende Theil der jüdischen Bevölkerung, mehr als 9/io derselben gehört zu den Konservativen, wie es auch ihr materielles Interesse erheischt, da der Handel, auf welchen sie durch die frühere Gesetzgebung meist beschränkt waren, nur bei geordneten Staatsverhältnissen gedeihen kann. Ebenso entschieden sind die Juden Anhänger des Königthums, nur mit den Begrenzungen, welche sie aus den bitteren Erfahrungen ihres eigenen Lebens als nothwendig erkannt haben, damit nicht ein absoluter (oft mißleiteter) Wille das edelste Gut der Menschen, ihre geistige und materielle Freiheit nach Willkür fernerhin verkümmere. Sie wollen nur die alten Auswüchse, die büreaukratischen Ein- und Uebergriffe abweisen, welche das Land weit schmerzlicher berührten, als es je die Absicht unserer wohlwollenden Könige des Hvhenzollerschen Hauses war. Daß Selbsterfahrung die beste Lehrmeisterin ist, wissen wir aus dem Leben und daher kennen die Juden vorzugsweise die wunden Stellen des alten Staatssystems. Wenn sie nun für die Ausscheidung derselben, und somit für ein starkes, gesundes, in der Volksliebe wurzelndes Königthum kämpfen, so sollten alle Wohlgesinnten im Lande ihnen danken und sie unterstützen, denn Nichts könnte dem Königthume mehr schaden, als wenn die jetzige Richtung vorgeblicher Freunde desselben weiter um sich greifen würde. Unser König, der Vater seines Volkes, hätte immer das Bessere eintreten lassen, wenn es nur möglich gewesen wäre, ihm die Gebrechen unserer Zustände mitzutheilen und nicht die Büreaukratie, „die wieder durch jerusalemitische Träume verdächtigen, noch religiösen Zwiespalt im Innern erregen möchte", wie eine undurchdringliche Mauer zwischen König und Land, zwischen Vater und Kind gestanden, den Durchbruch der Liebe verhindert hätte.. Wenn nun die jüdischen Einwohner nicht eigentlich den Staatsleitern, mehr dem, zur Erkenntniß gekommenen, gesunden Sinne der christlichen Bevölkerung, den Provokationen volksthümlicher Richtungen ihre bürgerliche Gleichstellung zu verdanken haben, so wäre es eine Perstdie von ihnen, nicht weiter und mit lebendigem Muthe für die Landesintereffen, für die Begründung gediegener Institutionen mitzuwirken, König und Volk zu versöhnen, damit wir, durch Eintracht stark, allen Stürmen der Zeit widerstehen können. Wird nun dieses Streben bemängelt, so muß man, da die Unüberlegtheiten Einzelner, der Gesammtheit nicht zugerechnet werden können, fast wünschen Jude zu sein, um dann nur noch von Leuten angefeindet zu werden, welche vermöge ihrer volksfeindlichen Tendenzen sich entschieden die Mißachtung des bessern Theils der Gesellschaft zuziehen müssen, und welche der Krone die Wahrheit des alten Spruchs erkennen lassen werden: „Lieber Gott, bewahre mich vor meinen Freunden, gegen meine Feinde werde ich mich selbst zu wahren wissen. L. J. L. Aus Pommern, 23. Januar. (Privatmitth.) Für die religiösen Interessen des Judenthums herrscht jetzt hier in Pommern leider! wenig Sinn. Die Politik setzt alle Geister in Bewegung, sie bildet den Inhalt aller Gespräche. Und nicht nur in den politischen Klubs, sondern in allen Gesellschaften und Familienzirkeln, ja, sogar in der Synagoge wird immer und ewig politisirt. Auch unter den Juden giebt es in dieser Hinsicht Parteien, die sich schroff gegenüberstehen. Es ist durchaus nicht wahr, daß alle Juden Demokraten seien; wir zählen der erbitterten Konservativen unter uns genug. Die jetzige Zeit ist eine so inhaltsschwere und doch so verworren, daß man sich kaum ein Urtheil zutraut. Wer kann all die Eventualitäten berechnen! Kempen (Großherzogthum Posen), im Januar. (Eingesandt.) sAufruf an unsere Glaubensgenossen.) Theuere Brüder von nah und fern! Die verheerende Seuche, Cholera, hat durch sechs Wochen gräßlich in unseren Mauern gewüthet. Hunderte sind als Opfer hingerafft worden in unserer kleinen Stadt, in ausfallendem Mißverhältniß zu den Tausenden in den großen Städten, wo sie am Wüthendsten aufgetreten zu sein schien. Nicht nur zarte Kinder und schwache Greise, sondern auch rüstige Jünglinge, kräftige Männer und Frauen sind meist in wenigen Stunden des Todes Beute geworden; ja ganze Familien sind eingegangen, und verödet stehen ihre Wohnungen. — Sie werden uns keines Selbstlobes zeihen, wenn wir der hiesigen israelitischen Gemeinde es öffentlich zum