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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-01-29 · Heft 5 (29.1.1849) · p. Seite 65

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 5 (29.1.1849)
Date
1849-01-29
Page
Seite 65 (sequence 9)
Language
German
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65 Zweiter Artikel. Hebet das DorurtheLL gegen die jüdischen Geistlichen. *) Wir kennen keine lächerlichere, aber auch keine in ihren Folgen bedenklichere Gespensterfurcht, als die vor hierarchischem Druck der jüdischen Geistlichen. Kaum kann man glauben, daß sie je im Ernste gehegt worden sei und dennoch hört man nicht selten Aeußcrungen wie z. B.: „Wozu einen Geistlichen anstellen? Etwa damit er uns unter seine hierarchische Fuchtel nehme u. s. w.?" Lächerlich nannten wir diese Furcht, weil die Macht, welche unseren Geistlichen einst zustand, schon seit langer Zeit ziemlich auf Null reduzirt ist. Seitdem der Bann ein Unding geworden, und der Rabbiner blos als der erste Beamte der Gemeinde zu betrachten ist, besteht seine Autorität lediglich in dem moralischen Einfluß, den seine Persönlichkeit zu gewinnen vermag. Wer sich diesem Einfluß zu entziehen wünschte, dem stand schon seit Dezennien Nichts im Wege. Es konnte daher höchstens von ihrer Einwirkung auf die Gestaltung der Kultus- und Schulverhältnisse die Rede sein. Hier wollen wir nun nicht bestreiten, daß viele Rabbiner in ihrem Widerstreben gegen zeitgemäße Resormen zu weit gegangen sind und dem Judenthum viel mehr geschadet als genützt haben; allein einmal muß man annehmen, daß wenigstens in der Regel ihre Ueberzeugung mit ihrer Handlungsweise übereinstimmte und es Sache der Gemeinden gewesen wäre, sich von den Ansichten der Rabbiner zu unterrichten, bevor sie ihnen das Amt übertrugen und dann kann nicht geleugnet werden, daß in vielen Gemeinden die größte Mehrzahl den Rabbiner verketzerte, anstatt ihn zu ermuthigen, sobald er sich der Reform einigermaßen hold zeigen wollte. Wie sich aber jetzt die Kultus- und Schulverhältnisse gestalten werden, ist als gewiß vorauszusetzen, daß den Geistlichen vollends jener letzte Rest von Autorität entzogen wird. Denn in der Folge werden sie dem Gemeindevorstand entweder unter- oder höchstens beigeordnet sein. Im erstern Falle wird man sie blos um Rath fragen, im andern sie leicht überstimmen. Es wird daher Jedem einleuchten, daß für die Zukunft von dieser Seite durchaus Nichts mehr zu fürchten ist. Wenn man nun die Richtigkeit des Vorstehenden *) Anmerkung: Zuvörderst müssen wir erklären, daß wir weder selbst dem geistlichen Stande angehören, noch zu demselben in irgend einer Beziehung stehen, vielmehr lediglich von unserer Ueberzeugung geleitet werden. Korresp. zugeben muß, so müssen wir an alle Ehrenmänner, die ein Herz für die sittliche Erhebung ihrer verwahrlosten Glaubensbrüder haben, die Frage stellen: Soll die große Masse der Ungebildeten, namentlich auf dem Lande, die aus purer Unwissenheit mit Leib und Seele an einem tobten Formenwesen hangen, selbst ohne dessen Bedeutung zu kennen, die vom Vater auf den Sohn und von diesem auf den Enkel Vorurtheil und Aberglauben aller Art vererben, die eine unüberwindliche Scheu vor dem Betrieb von Handwerk und Landbau empfinden, sollen, sagen wir, diese Leute fort und fort sich selbst überlassen bleiben? Und wenn man nun einsieht, daß hier durchaus gewirkt, viel und nachhaltig gewirkt werden muß, so fragen wir weiter: Wer ist geeigneter aus die ganze Denk- und Handlungsweise des gemeinen Mannes den heilsamsten Einfluß auszuüben, als ein Geistlicher, der sich sein Vertrauen erworben? Wer fühlte sich berufen — und wer hätte die Muße dazu — dem Nebenmenschen in Freud' und Leid als treuer Rathgeber und Tröster zur Seite zu stehen, wenn Ruche derjenige, dessen ganzer Lebensberuf darin bestehen soll, vermittelst der stärksten Hebelkraft, der Religion, auf die Gesittung und Veredelung der ihm anvertrauten Seelen hinzuwirken? Können wir es leugnen, daß die Wirksamkeit der Geistlichen anderer Konfessionen — abgesehen von einzelnen Uebergriffen — im Allgemeinen eine höchst segensreiche ist? Welches Recht haben wir, zu zweifeln, daß aufgeklärte israelitische Geistliche ebenso wohlthatig auf die der geistigen Pflege so sehr bedürftige jüdische Masse einwirken würden? Darum sagen wir: Was bei der neuen Organisation des Kultus- und Unterrichtswesens am Allermeisten Noth thut, ist nichts Anderes als Folgendes: Man suche auf eine oder die andere Weise es nach und nach dahin zu bringen, daß alle jüdischen Gemeinden der speziellen Obhut helldenkender und willenskraftiger Geistlichen theilhaftig werden, die nicht zu entfernt von den einzelnen Ortschaften wohnen dürfen. Alsdann wird man nach einem Dezennium himmlische Früchte reifen sehen. Wohl wissen wir, daß dem große materielle Schwierigkeiten entgegenstehen. Allein, wenn man erst die Wichtigkeit einer solchen Einrichtung in ihrer ganzen Größe erkannt hat, dann ist es auch keine Unmöglichkeit mehr durch eine großartige Assoziation die Mittel zur Erhaltung der nöthigen Zahl von Geistlichen zu beschaffen. Auch ist es, unseres Erachtens, noch nicht ausgemacht, 5 *

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