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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-01-29 · Heft 5 (29.1.1849) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 5 (29.1.1849)
Date
1849-01-29
Page
Seite 64 (sequence 8)
Language
German
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64 Wotan denn, meine Glaubensgenoffen, jetzt ist die Zeit gekommen, in welcher die Richtigkeit dieses Satzes durch die That bewiesen werden soll. Jetzt laßt uns brüderlich einander die Hände reichen, um mit vereinten Kräften leichter die an Verstand und Bildung tiefer stehenden Brüder zu uns empor zu ziehen und zu recht nützlichen Staatsbürgern zumachen. So wollen wir den Anbruch einer neuen Aera schöner feiern, als durch Begehung von Festessen und Errichtung von Monumenten. Der Wege zu jenem erhabenen Ziele* giebt es gar manche und nicht maßt sich unsere ungeübte Feder an, dieses weite Feld erschöpfen zu wollen. Es sei uns nur vergönnt, auf einige Schattenseiten in der Denk- und Anschauungsweise vieler Glaubensgenossen die öffentliche Aufmerksamkeit hinzulenken, um nach unseren schwachen Kräften ein Scherflein zur richtigen Erkenntniß desjenigen, was Noch thut, beizutragen. Wir überlassen es dann gern einsichtsvollen Männern vom Fache, eine Sichtung unserer Gedanken vorzunehmen und davon zu benutzen, was sie für zweckdienlich halten. Für heute haben wir uns vorgesetzt, unsere Ansicht auszusprechen: Aeber das hastige Streben nach Ehrenstellen und über die Aussicht auf besoldete Aemter. Nachdem der bisherige Druck den Juden fast jede ehrenvolle öffentliche Stellung versperrte, ist Nichts natürlicher, als der Wunsch des entfesselten Ehrgeizes, den Beweis zu liefern, daß wir, ungeachtet der Unterdrückung, denjenigen Bildungsgrad erreicht haben, welchen die Theiluahme an dem öffentlichen Leben erfordert. So lobenswerth dieser Ehrgeiz an sich ist, so leicht lassen wir uns durch ihn verleiten, unser liebes Ich zu überschätzen, und können daher nicht genug auf unserer Hut sein, um uns nicht ein mitleidiges oder spöttisches Lächeln derjenigen zuzuziehen, unter welchen wir uns bemerkbar machen wollen. Ist man doch ohnehin so sehr geneigt, das redlichste Streben eines Juden zu verdächtigen oder in's Lächerliche zu ziehen, wie uns neuerdings die vielseitigen Angriffe beweisen, weil einige Juden sich unterstanden haben, gleich so vielen tausend Christen, der Demokratie zu huldigen. Indessen müssen wir gestehen, daß wir in der letzten Zeit oft über die Art und Weise errötheten, wie Manche, besonders junge Leute, ihre werthe Person in den Vordergrund zu schieben und sich bei Versammlungen aller Art als Wortführer aufzuwerfen suchten. O könnten diese Kurzsichtigen doch die sarkastischen Mienen in ihrer Nähe bemerken; könnten sie das Hohngelächter vernehmen, welches oft nach ihrer Entfernung sich Lust macht! Wahrlich, sie würden eisig kalt davon berührt werden und alle Lust verlieren, noch öfter ihrer Eitelkeit ein solches Privatvergnügen zu machen. — Hüten wir uns daher, zu Ehrenstellen uns hinzuzudrängen, wie z. B. die eines Wahlmannes oder Vorstandsmitgliedes irgend eines der vielen politischen und sonstigen Vereine, oder zu den Chargen in der Bürgerwehr u. s. w. Der Bescheidene wird stets eher hervorgezogen, als der Anmaßende; daher thun wir sehr wohl, wenn wir die Gelüste nach öffentlicher Wirksamkeit in uns zum Schweigen bringen, bis man uns, ohne unser Zuthun, aufsucht. Alsdann aber wollen wir keiner Bürgerpflicht uns entziehen und jedes uns anvertraute Ehrenamt mit gewissenhaftem Eifer zu verwalten suchen. Was nun die uns jetzt eröffnete Aussicht auf Erlangung besoldeter Aemter betrifft, so möchten wir vor sanguinischen Hoffnungen gar sehr warnen. Wir sind der Meinung, daß ungeachtet der auf dem Papier bestehenden vollständigen Emanzipation, noch eine geraume Zeit vergehen wird, bis der jüdische Aspirant eines Amtes wird hoffen dürfen, den gleich oder auch minder befähigten christlichen Mitbewerbern nicht nachgesetzt zu werden. Das Beispiel Kurheffens hat uns dies zu klar gezeigt. Wir rathen daher den Eltern, welche ihre Söhne für ein Staats- oder Kommunalamt vorbereiten wollen, nur auf solche Aemter ernstlich zu reflektiren, bei deren Besetzung weder Nepotismus noch Protektion einen Einfluß üben können, weil die Anstellung nach einer unabänderlichen Reihefolge statthaben muß. Außerdem wird man wohl thun, bevor man sich für eine solche Laufbahn bestimmt, genaue Erkundigung einzuziehen, wie viele Jahre der Kandidat unentgeldliche Dienste zu leisten hat, wie stark der Andrang zu dem betreffenden Amte in der Regel zu sein pflegt und welche Vorrechte ehemalige Militärpersonen bei der Zivilversorgung noch immer genießen. Ueberhaupt glaube man nicht, daß die Becuntenkarrwre eine dornenlose sei; jedenfalls ist sie in einem konstitutionellen Staate weit prekärer, als z. B. in dem bisherigen Preußen, wo ein Beamter nicht leicht absetzbar war. Es möge daher Jeder, bevor er seinen Sohn zum Beamtenstande erzieht, sich die Sache wohl überlegen.

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