Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 52 (20.12.1847)
- Date
- 1847-12-20
- Page
- Seite 758 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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758 Leben gefördert worden. Schon längst hatte man hier auch in religiöser Beziehung die ernst mahnende Stimme der Zeit vernommen; schon längst erkannt, wie sehr der Gottesdienst im Argen liege, weder das Herz noch den Geist befriedige, und deshalb auch schon längst das unabweisliche Bedürfniß einer Reform gefühlt. Von wem aber sollte diese ausgehen, wenn der frühere Rabbine zur Nüance der Stabilorthodoxen gehörte, die sich bekanntlich in den alten lieben Schlendrian so behäbig hineingelebt, daß sie gewissermaßen mit ihm verwachsen und daher einen schönen Theil ihres gar zu gern in tlolce far niente vegelirenden Jchs aufzugeben vermeinen, Falls sie nur um ein Jota davon abwichen. Wie fast überall unter gleichen Verhältnissen mußten auch hier die Vorsteher der Gemeinde Hand an's Werk legen, und zum Glück gestaltete es sich so, daß geistvolle und gesinnungstüchtige Männer, wie die Gebrüder Herren Russak und Heilbronn, an die Verwaltung kamen. Das alte, nach innen und außen morsche, den Einsturz drohende Synagogengebäude begrüßte noch, als die junge Morgenröthe einer lichtem Zukunft, die ersten Anfänge der gottesdienstlichen Reform, wie: das Abschaffen der öffentlichen Mizwotversteigerung und das Aufrufen zur Tora mit Namen und Würden, was jedoch ihm selbst das nahe Ende prognostizirte. Und in der That wurden auch bald Anstalten getroffen, dieses Gebäude abzureißen und ein neues an dessen Stelle aufzubauen, und — der große Wurf ist uns gelungen, Dank den rastlosen Mühen und Anstrengungen jener thatkrästigen Männer der Verwaltung, welche die mannigfachen, diesem Unternehmen sich entgegenthürmenden Hemmnisse und Schwierigkeiten mit weiser Umsicht zu besiegen gewußt; unter Gottes sichtlichem Beistände und Schutze ist nun in's Werk gerichtet, was selbst die kühnste Phantasie noch vor drei Jahren nur zu denken sich kaum getraute. Ein Tempel für 16,000 Thaler in geschmackvollem Style erbaut, erhebt sich nun, dem erhabenen Zwecke gemäß würdig ausgestattct, und auf den Betreter einen imposanten Eindruck machend, wie aus der Erde gezaubert — die Freude aller Gutgesinnten und eine Zierde der ganzen Stadt. Unsere wackeren Vorsteher hielten aber damit ihr Werk noch nicht für abgethan; sie sahen vielmehr ein, daß ein bloßer Tempel — und wäre er an Pracht dem Salomonischen gleich — immer nur ein Körper ohne Seele bleibt, der durchaus keinen veredelnden Einfluß auf seine Besucher zu üben vermöchte, dafern nicht in anderer Weise gleichzeitig auch für einen erbaulicher», Geist und Gemüth anregendem Gottesdienst gesorgt würde. Von dieser Ueberzeugung geleitet, wurde zuvörderst die Annahme eines zeitgemäß gebildeten Kantors beschlossen, und — Herr Weintraub, Bruder des rühmlich bekannten königsberger Kantors, bekleidet seit bereits einem Jahre die Funktion deS Vorsängers unterstützt von einem Knabenchor, den er sich vortrefflich herangebildet, und an dem nur der Mangel an Baßstimmen um so bedauerlicher erscheint, als gerade diese, wesentlich dazu gehörend, am Meisten geeignet sind, ihn zu heben und seiner Bestimmung näher zu bringen. Vielleicht wird auch diesem mit der Zeit durch Engagirung eines Bassisten abgeholfen werden. — Eine im Druck erschienene und von der hohen Regierung zu Bromberg in ihrem ganzen Umfange bestätigte Synagogenordnung, worin sorgfältig alle Bestimmungen ausgezeichnet, welche die Aufrechthaltung eines würdevollen Gottesdienstes abzwecken, wird gegenwärtig leider noch etwas laxe gehandhabt, was unfehlbar manche Inkonsequenz zur Folge haben muß. Indessen ist man gern geneigt das Sprichwort gelten zu lassen: Auf einen Hieb fällt kein Baum. Nur aus des erhabenen Meisters Hand konnte Vollkommenes hervorgehen, während des Menschen Werk immer und überall das Gepräge der Unvollkommenheit an der Stirn trägt. — Wenn nun die mehrfach erwähnten Herren Vorsteher schon durch alle diese Schöpfungen um das Gemeindewohl sich ein unsterbliches Verdienst errungen, so haben sie unstreitig diesem erst die Krone aufgesetzt durch die Berufung des hochwürdigen Herrn Dr. Gebhardt zum Rabbiner und Prediger. Die Akquisition dieses Mannes ist in allen Beziehungen eine höchst glückliche zu nennen; denn Herr vr. Gebhardt verbindet mit einem gediegenen Charakter wahrhafte Frömmigkeit, der er im Wohlthun ihren schönsten Ausdruck verleiht, paaret eine hinreißende Beredtsamkeil, der es weder an Gedankenfülle, noch an erhabenen Worten und klassischen Wendungen fehlt, mit edler Freimüthigkeit, welche, keine individuellen Rücksichten anerkennend, fest und siegreich einhergeht. Einen höhern Reiz aber gewinnt sein Vortrag durch den seltenen Wohlklang seines herrlichen Organs. Die Gemeinde vernimmt nun in rein deutscher Sprache die Lehren einer geläuterten Moral und Ethik, und