Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 51 (13.12.1847)
- Date
- 1847-12-13
- Page
- Seite 750 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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750 kunst, die Arzneikunde, wo ganz anders hat sie mich hingebracht, als wohin ich geglaubt, daß sie mich bringen werde! Ich hatte mir gedacht, wenn ich dereinst an das Siechenlager des Leidenden treten werde, so wird mich meine Wissenschaft dahin begleiten, und wird mich das Weh meines Bruders erkennen lehren, und meine Kunst wird mir die Hand führen, um dieses Weh, wo irgend möglich, schnell und sicher zu entfernen.... Und ich habe wacker gestrebt, sie mir anzueignen, dieses Zeugniß kann ich mir geben, wenn es mir die Herren Examinatoren nicht mit Siegel und Unterschrift verbrieft hatten.... Und dennoch, tret' ich an das Krankenbett, welche Unklarheit! Und ich bin nicht selbst daran Schuld, sondern es fallen mir nur die verschiedenartigsten Theorieen ein, welche die Symptome so und so auslegen, und in ganz anderen Weisen deuten; und geh' ich gar an die Heilung, welche verschiedenartigste Wege seh' ich vor mir, die eine Autorität schreibt mir diesen, die andre jenen vor, und nicht etwa aus den Büchern, sondern aus dem Lebendigen Kreise meiner Lehrer, und oft warnt mich der Eine vor dem, was der Andre mir als unumgänglich befiehlt. Dies also sei die Herrlichkeit der Wissenschaft, daß sie mich in's Kreuzfeuer der Ansichten geradezu hineinführt, und mich daselbst im Stiche läßt? Menschenleben soll ich zum Objekt meiner Thätigkeit machen, Menschenleben, wovon ich keinen Zoll breit ersetzen kann, wenn es durch meine Fahrlässigkeit, oder gar durch mein Schwanken, oder gar durch mein Zuthun verloren ging, und die Anleitung, die Führerin auf diesem Wege ist blind und lahm, oder das rechte Auge schaut wo anders hin als das linke, und der linke Fuß schreitet wo anders hin als der rechte?... Gemach; ich habe mein Herz, mein bedrängtes, ausgeschüttet in meiner Einsamkeit, aber es ist doch nicht also, im Innersten lebt mir doch eine Ueberzeugung, und die will nicht minder heraus. ..." „Die Wissenschaft ist das Allgemeine; jede Theorie ist das Individuelle; jedes Individuum hat daher seine Theorie; ich bin auch ein Individuum; ich habe also auch eine Theorie. Anders kann es gar nicht sein. Folge ich der Theorie eines Meisters, nun, so habe ich mein Individuum diesem hingegeben. Schaffe ich mir eine Theorie aus denen Mehrerer, nun so habe ich mir aus verschiedenen Individuen ein eigenes Individuelles geschaffen. Dies will ich aber Alles nicht. Sondern: die Wissenschaft giebt mir den Boden, die Theorien Anderer gaben mir die Anleitung, wie auf jenem Boden eine eigene Theorie, meine, aufzubauen. Die Erfahrung soll mir diese meine Theorie kritisiren, rektifizieren, und daraus werde ich so gut ich kann. Ich brauche mir daher immer nur zwei Unbefangenheiten zu bewahren, die eine, mich immer wieder auf den Boden der Wissenschaft zu versetzen, die andere, der Erfahrung ihre Wirksamkeit zu sichern, und sie nicht durch Eigensinn zu verfuschen. Die Wissenschaft ist aber die Lehre von der allgemeinen Natur, die Erfahrung von der individuellen Natur des Kranken und des Heilmittels. Ich muß nun von der Wissenschaft nur nicht verlangen, daß sie mir die individuelle Natur des Kranken entgegenbringe, und von der Erfahrung nicht, daß sie das deckende Dreieck der Wissenschaft sei, von mir aber muß ich verlangen, daß ich das lebendige Mittelglied der Wissenschaft und Erfahrung sei, daß ich das Auge immer offen habe für Beide, und den Verstand immer thätig, um sie aneinander auszugleichen. Dies ist der Standpunkt des rationellen Arztes, und verläßt er diesen nicht, kann er Abends ohne Gewissensbisse einschlummern. Dann ist die Wissenschaft dennoch herrlich, denn sie ist der Triumph des Menschen über die Erfahrung, die ihn hinunterziehen will in den unersättlichen Schlund des Individuellen...." „Doch darum genug. Denn auf der Universität soll man ja erst lernen lernen; dann lernt man im Leben immer weiter; und das Fazit des Lebens ist: man hat gelernt...." „Darum am Schlüsse meines Universitatslebens, laß mich, mein Tagebuch, vielmehr noch einen Blick in dieselben zurückwerfen. Es waren Jahre des Kampfes mit dem Außen, mit den drückenden Verhältnissen, mit Mangel und Sorge. Aber sie waren doch leicht, denn wie schnell vergaß ich diese Kämpfe im Streben und Ringen um die Wissenschaft?..." „Jetzt seid mir bestens gegrüßt, ihr Kampfjahre! Nicht, daß ihr vorüber wäret. Daran erinnert mich eben meine leere Geldbörse und meine morgende Abreise. Aber diese sind doch vorüber, und über alle Erwartung. Was will ich? Bin ich nicht geworden, was ich wollte? Habe ich nicht erreicht, was ich mir vorgesteckc? Nun, so dies ist, habe ich ja gesiegt? Und wer gesiegt hat, wer bedauerte wol, gekämpft zu haben? — Zwar hier und da will es mich bitter gemahnen; wie der Professor M. mir den letzten Pfennig zu seinen Honoraren abgedrückt; wie hie und da mir die nothwendigsten Bedürfnisse kaum befriedigt wurden. Aber stehst Du dafür nicht leuchtend vor mir, ehrwürdiger Lehrer, der die Humanität selbst