Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 51 (13.12.1847)
- Date
- 1847-12-13
- Page
- Seite 743 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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743 gegenseitig mit einer Unzahl von Missionären verfolgen, zu den kleinlichsten Lächerlichkeiten Anlaß geben, und größtentheils einander ganz intolerant verdammen, benutzt das Judenthum diese Freiheit ungehindert und einig sich zu entwickeln, sucht allenthalben festen Fuß zu gewinnen, um dann um so rascher zu seinem Ziele zu schreiten. Die Gewissensfreiheit hat bis jetzt sehr günstig für's Judenthum gewirkt. Der Jndifferentismus ist verschwunden; da der Jude allenthalben von Missionären und von anderen Parteimännern angegriffen wird, so muß er sich beständig im Vertheidigungszustande befinden. Man durchsucht die Bibel, bespricht sich gern mit mehrwissenden Brüdern, hört aufmerksam eine Predigt und jede religiöse Belehrung, weil man taugliche Waffen zu finden gedenkt; aber das Suchen und Sprechen und Hören ist der Tod zweier grimmiger Feinde des Judenthums: des Jndifferentismus und der Unwissenheit. Die Gewissensfreiheit hat hier noch diese Konsequenz für's Judenthum, daß viele Individuen und Familien, die in Europa zum christlichen Bekenntnisse getauft wurden, hier wieder ganz fromm als Israeliten leben, und erst jüngstens hat vr. Lilienthal zwei ü-eimiDn auf ihr Verlangen eine N2iivri angeordnet. Das ist noch nicht Alles, nehmen Sie noch dazu, daß seit sechs Monaten zehn Christen im Schooße des Judenthums ausgenommen wurden, sieben in New-Pork und drei in Albany, und letzte Woche hat sich wieder ein Mann von dreißig Jahren beschneiden lassen, um ein Jude zu werden, obschon wir die Welt nicht durch Missionäre plagen, und Jeden lieber zurückweisen als im Judenthume aufnehmen. Zu Ihrer völligen Beruhigung kann ich noch hinzufügen, daß dieser Religionsstreit nie zur Gehässigkeit führt, da der Amerikaner Haus und Kirche eben so sehr von einander trennt wie Staat und Kirche. So wie sich die politischen Parteien ringend und kampfend einander gegenüberstehen, so daß man die Männer verschiedener Parteien für die bittersten Feinde halten sollte, ohne daß es auch nur den geringsten Eindruck auf den Privatverkehr übt, oder auch nur zu der geringsten Gehässigkeit Anlaß giebt; ebenso ist es mit den religiösen Parteien, und das Judenthum ist hier als eine"religiöse Gesellschaft betrachtet, die dieselben Rechte hat, aber ihre Privilegien nur dahin verwendet sich zu erhalten und fortzubilden. Wie im religiösen so auch im politischen Leben ist hier der deutsche Jude thätig und theilnehmend. Er ist ein Patriot, weil er Ursache hat es zu sein. Am 4. Juli finden Sie alle Synagogen angefüllt mit dankerfüllten Seelen, obschon Niemand es befiehlt; in der Armee finden Sie freiwillige Juden, die dem Vaterlande dienen; werden die Staatsämter besetzt, so ist der Jude gewiß da, um für den Bessern zu Voten; bei Feuerwache, Bürgergarde und anderen freiwilligen Diensten finden sie eine enorme Zahl von Juden. Bei der Grundsteinlegung zum Washington-Monumente in New-Pork am 18. Oktober d. I. sind die jüdischen Gesellschaften mit der unübersehbaren Prozession ausgezogen, worunter sich an Pracht und Zahl besonders auszeichneten: The german hebrew benevolent Society, und die geheime Gesellschaft '22 rvna. Man muß hier leben und das lebendige Treiben mit ansehen, um einen Begriff davon zu haben, es giebt keine Worte es zu schildern. Alles lebt ein freies Leben, und Jeder nach seiner Art und seinem eigenen Willen strebt dieses freie Leben zu erhalten und erhöhen, so im Politischen, so im Religiösen. Der Tod der Miß Grace Aguiliar hat uns hier um so schmerzlicher berührt, da der Mangel an Schriften, wie sie geschrieben, noch immer hier größer ist, als er gefühlt wird. Die jüdisch-englische Literatur hat wenige Annehmer aber viele Gegner, und überdies wird's noch lange dauern bis wir von unseren Deutschen englische Produktionen bekommen werden. Ihre Vorlesungen, Herr Doktor, über Geschichte, Inhalt, Stellung und Beruf des Judenthums sind hier mit innigster Anerkennung ihres klassischen Werthes gelesen worden, wir hoffen bald eine gute englische Uebersetzung davon dem englisch sprechenden Publikum vorlegen zu können. Erlauben Sie mir noch schließlich die Bitte an Sie zu richten, uns bald wieder mit einem Bande Ihrer Predigten zu bereichern, da Sie uns in Ihrem letzten Bande so viele und große Wahrheiten so schön schrieben. Dieser Ihr letzter Band hat mich mehr gelehrt, als ich je in Predigten zu finden erwartet hatte, was mich zu meiner Bitte sofort aneifert. Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung, und gestatten Sie gefälligst meinem Schreiben den Raum Ihres vielgelesenen Blattes, da ich unparteiisch meine Umgebung beschrieben habe. Dr. Wise, Rabbi of Albany.