Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 50 (6.12.1847)
- Date
- 1847-12-06
- Page
- Seite 738 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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738 vorbereiten sollte, wahrlich! wir hätten kaum mehr gewußt, daß einmal ein Gesetz promulgirt wurde, das gewisse Verfügungen über die Zudenverhältnisse enthalten hatte. Denn seitdem jene Herrn von Breslau zurückgekehrt sind, spricht man auch keine Sterbenswörtchen mehr von Gesetz und Statut; man überläßt dies Alles dem Zufall, und legt dem Ungefähr das Geschick unsrer Zukunft voll Vertrauens in die Hände. Die Ursache dieses traurigen Zustandes liegt einestheils in der durch Nichts zu erschütternden Gleichgiltigkeit gegen Alles, was außerhalb der Sphäre sich befindet, wo das Geld unmittelbar in den Beutel rinnt, in der Sorglosigkeit, mit der man die religiösen Interessen behandelt; anderntheils aber, und was die Folge davon ist, in dem Mangel an geistlichen Behörden, die mit einem gewissen Grade von Wissenschaftlichkeit einen thatkräftigen Willen paarend, die Angelegenheiten der Gemeinden nach Kräften zu fördern im Stande wären. Denn so sehr auch der afsektirte Liberalismus unserer Tage in jedweder Handlungsweise des Rabbiners hierarchische Umtriebe wittern, und in jewedem Thun desselben, ein jesuitisches Gehaben erblicken möchte, so bleibt dennoch der Rabbiner — dies ist nicht zu leugnen — der Träger nicht nur des religiösen, sondern auch des geistigen Lebens in seiner Gemeinde; ihm wenigstens muß es obliegen, die Religion unserer Väter in deren Kindern zu erhalten, dem verderblichen Materialismus, der seine Götzen in das Heiligthum selbst hineinzutragen beginnt, mit aller Kraft entgegenzuarbeiten. Dies scheinen jetzt wol die Gemeinden Oberschlesiens zu fühlen. Oppeln hat den ersten Schritt wenigstens dadurch schon gethan, indem es bei Besetzung des Rabbinats vorzüglich darauf achtete, daß es an einen Mann kommen sollte, der auf der Höhe der Zeit stehend, mit warmem Glaubenseifer das ihm übertragene Amt verwalte; Brieg und Gleiwitz sind jetzt eben im Be» griff diesen Schritt zu thun. Aber da zeigt sich nun wiederum bei den beiden letzteren Gemeinden jene Gleichgiltigkeit, die es zu keiner entschiedenen Richtung kommen läßt, bei der man so nicht recht weiß, wo und wie beginnen. Die Gemeinde zu Gleiwitz gerirte sich immer als eine Solche, in der der starre Glaube die Anrechte der Vernunft mit Indignation zurückwies, und wo man an dem Herkömmlichen mit blinder Ergebenheit hangend, der freien Forschung aus Grundsätzen, wie man sich auszudrücken beliebte, jeden Eingang zu versperren suchte. Es herrschte in dieser Gemeinde stets eine so dumpfe Luft, daß die Brust sich beengt und gedrückt fühlen mußte; man sah dort die bizarrsten Gestalten des Mittelalters im modisch zugestutzten Gewände den Geist der Zeit knechten oder verleugnen, und wenn daher das jüdische Leben siech und matt an den schwachen Krücken des verflachenden, äußerlichen Zeremoniendienstes sich mühsam fortschleppte, so konnte dies nicht befremden, weil man ja an dieser Gemeinde es gewohnt war, dem Judenthume gerade von seiner formalen Seite die höchste Geltung zu geben. Nun freilich hat sich's geändert, aber nur insofern als man doch zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß es anders werden müsse. Wie aber dies Andere sich gestalte, darüber ist man noch nicht im Klaren. Man schwankt noch hin und her; man ist bald orthodox, bald heterodox, bald schwärmt man für P., der den Staub aus der Rennbahn der „Schiurstub" mit auf die Kanzel trägt, bald enthusiasmirt man sich für G., der den positiven Boden unter seinen Füßen einschlagend an den zarten Gespinnsten ultrareformistischer Glaubenstheorien festhält; Fr. muß es hart büßen, weil er der freiem Richtung huldigt, und Dr. Gr. wird barsch abgewiesen, weil er der konservativen Schule angehört. Bei einer solchen Zerfahrenheit, wo man nicht nach gewissen, maßgebenden Prinzipien sein Urtheil stellt, muß die Wahl eines Rabbiners sehr schwer werden, und Dr. L. mußte es erleben, wie die auf ihn fast schon bestimmt getroffene Wahl dennoch rückgängig wurde. — Die brieger Gemeinde will sich nun auch aus der trägen Bewußtlosigkeit ausraffen, die Jahre lang ihre Augen in süßem Schlummer gefangen hielt, und einen Prediger anstcllen. Dr. L., der an den hohen Feiertagen durch seine Predigten alle Herzen eroberte, wird als der Bevorzugte bezeichnet. Wer aber weiß, wie weit der Weg vom Willen zur That ist, könnte, wenn er eine Abmessung desselben vornehmen möchte, zu thun haben 'iba Königsberg, 13. November. (Brem. Ztg.) Eine Anfrage beim Kultusministerium, ob Juden nach dem neuen Judengesetz das Amt eines Kreisphysikus bekleiden dürften, hat ein soeben an die hiesige Regierung gelangtes Ministerialreskript zur Folge gehabt, das die Frage günstig beantwortet.