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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-11-22 · Heft 48 (22.11.1847) · p. Seite 709

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 48 (22.11.1847)
Date
1847-11-22
Page
Seite 709 (sequence 9)
Language
German
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709 Literarische Nachrichten. Jamnitz, 20. September. Die handschriftlichen hebräischen Werke der k. k. Hofbibliothek zu Wien, beschrieben von A. Krafft, Skriptor der k. k. Hofbibliothek rc. und Simon Deutsch. Wien, k. k. Hof- und Staatsdruckerei. 190 S. 4. Unsere Zeit, sagte unlängst ein geistreicher Schriftsteller, ist zu klassischen Wiedergeburten bestimmt, indem die Sprachen, die Manuskripte und die Monumente wieder aus dem Grabe erstehen, und gewiß läßt sich dieser sinnige Ausspruch in seiner ganzen Wahrheit auf die jüdische Literatur anwenden, deren Wiedergeburt erst vom jüngsten Datum ist. Die warme Theilnahme und unausgesetzte Pflege, deren sie sich von einer zwar nur kleinen Zahl Verehrer und Jünger erfreuet, hat bereits über so mannigfache Gegenstände Licht verbreitet, manche dunkle Partie erhellt, manchen glorreichen Namen der Vergessenheit entrissen, manche unbekannte Epoche enthüllt und gewürdigt. Wol sind es nur größtentheils zerstreuete Materialien und Bausteine, die zusammengetragen wurden, aber dennoch sind die Vorarbeiten nicht abgeschlossen, noch fehlt sehr viel, um den riesigen Dom aufzuführen und zu vollenden. Besondere Aufmerksamkeit schenkte man mit Recht den zahlreichen, in öffentlichen und Privatbibliotheken aufbewahrten, fast in ganz Europa zerstreuten, meist noch unbenützten Werken und Manuskripten, die ungekannt wie in einem tiefen Schachte vergraben liegen und der Auferstehung vergebens entgegensetzen. Es legten auch viele Literaturfreunde mit der größten Aufopferung neue großartige Sammlungen an, die Zunz in seinem trefflichen Werke: Zur Geschichte und Literatur, S. 230—48 ausführlich beschrieben, und wovon die Oppenheimerische und in neuester Zeit die Michaetische, die ebenfalls ihrer ältern Schwester nach Oxford Nachfolgen soll, die merkwürdigsten und kostbarsten sind. Ueberdieß wurden Kataloge von werthvollen Bibliotheken herausgegeben (Kohelet David von der Oppenheimerischen, Delitzsch und Zunz den der leipziger Rathsbibliothek), bibliographische Notizen gesammelt, die die Bekanntschaft mit der Literatur in ihrer ganzen weiten Ausdehnung ermöglichten und man sing immer mehr an den hohen Werth und reichen Inhalt derselben zu schätzen und zu würdigen. Man edirte, exzerpirte, klassifizirte mit wahrem Eifer, und was wäre nicht Alles schon geschehen, wenn unsere stolze Geldaristokratie weniger Jndifferentismus gegen alles jüdische und überhaupt wissenschaftliche Interesse haben, und nach jenem wahren beneidenswerthen Ruhme eines Beschützers und Gönners der Wissenschaft, der mehr ehrt und länger währt als alle nichtigen Titel und leeren Auszeichnungen, die oft theuer genug zu stehen kommen, mehr Verlangen tragen möchten! — Auch vorliegende Arbeit der rühmlichst bekannten Verfasser ist ein Erzeugniß des wissenschaftlichen Strebens unsrer Zeit. Herr Deutsch *) hat sich dadurch ein großes Verdienst um die jüdische Literatur erworben und alle ihre Verehrer zum Dank und Anerkennung verpflichtet. Mit ausdauerndem Fleiße haben die Verfasser die reichen Schatze der wiener Hofbibliothek, die einzige derartige bedeutende und offen stehende Sammlung in Oesterreich, durchforscht, deren Inhalt vollständig beschrieben und dabei Titel, Form, Alter und Charakteristik eines jeden einzelnen Werkes genau angegeben. — Sämmtliche Handschriften, 195 Nummern enthaltend, sind in 24 Facher, nach einem willkürlich entworfenen Schematismus eingetheilt, wovon wir die vorzüglichsten herausheben: Heilige Schrift 24, Uebersetzungen und Auslegungen, Legenden, Ueberlieferung, Gesetzlehre und Forschung, Liturgie 10, Religions- Philosophie 14, Sittenlehre 5, Geheimlehre, Grammatik und Lexikographie, schöne Redekünste, aristotelische Philosophie, Medizin 40, Astronomie rc. — Ein solcher Katalog gewährt uns immer den sehr ähnlichen Anblick eines prächtigen Panoramas. Wir sehen in ferner Aussicht vor unseren Augen eine schöne Stadt liegen, mit all ihren hohen Thürmen und Bauten, Kirchen und Palästen, Straßen und Plätzen, wir bewundern das Großartige dieses und jenes Palastes, den kühnen Bau des majestätischen Domes, das auf uns einen imposanten Eindruck macht; wir entwerfen uns gar wol ein Bild von der Größe der Stadt, von der Regelmäßigkeit und Symmetrie der Straßen, aber von dem innern Leben und Treiben, von dem Geiste und Tone, die darin herrschen, bekommen wir keine Anschauung und Vorstellung: ebenso bietet uns eine derartige Beschreibung, sie mag noch so ausführlich und rasonirend sein, mehr die Außenseite, den Titel, die Eintheilung, den Anfang und das Ende, den Verfasser und Schreiber des Werkes, als daß man sich von dem darin lebenden Geiste einen richtigen Begriff machen könnte. Doch wer mag darum den hohen Nutzen in Abrede stellen! Im Gebiete des Geis- *) Genannter hat das Meiste geleistet, da A. Krafft vor Vollendung des Werkes starb. 48*

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