Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 48 (22.11.1847)
- Date
- 1847-11-22
- Page
- Seite 702 (sequence 2)
- Language
- German
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702 die Sage vom Könige Salomo erzählt, eine Leiche noch eine Zeit lang aufrecht, durch Stäbe gestützt, oder, wie der Leichnam Karls des Großen, auf seinem Lehnseffet mit Krone und Zepter geschmückt, erhalten — also viel eher wird in der Menschheit etwas Todtes noch eine Zeit lang für lebend ausgegeben und mit Flitterstaat herausgeputzt— als daß etwas Lebendes getödtet werden könnte. In der Menschheit geschieht kein Todtschlag; es stirbt in ihr Alles am eignen Sterben und Verlebtsein. Vielmehr ist unsre Zeit eine Zeit des Erkennens, wo Jegliches, sei es Altes, sei es Neues, durch die Lauge der Kritik gezogen wird, um nach seinem wahren Werth und Gehalt erkannt zu werden. Und weit nun unsre Zeit die des Erkennens ist, darum werden auch in ihr viele Leichname, die noch für lebend erklärt werden, als in der Verwesung begriffen, Vieles als verworfene Trümmer erkannt, die man noch Eck- und Schlußsteine nannte. Und nun rächt man sich, indem man sie als eine Zeit des Zerstörens brandmarkt! Wir haben aber um so mehr zu erkennen: daß die Menscheit überall ein Ganzes ist! So wie es sich in der Wirklichkeit gemacht hat, daß vom Anfang der Geschichte an alle Stämme und Völkerschaften des Menschengeschlechtes sich einander immer mehr genähert haben, bis sie bereits in einen Zusammenhang gekommen, der die entferntesten Enden des Menschengeschlechtes auf's Engste verbindet, daß Eroberungssucht, Handel, Schifffahrt, Religion und endlich alle Bewegung des Geistes, gefördert durch den geflügelten Träger des Wortes, den Druck, dahin gearbeitet haben, in der Menschenwelt alle Trennung und Absonderung zu vernichten: so haben wir auch der Zeit nach die Menschheit als ein Ganzes zu betrachten, wo Geschlecht nach Geschlecht Glieder einer und derselben zusammenhängenden Kette sind. Betrachten wir aber die Menschheit als ein Ganzes, als einen Gesammtorganismus, so müssen wir auch als das eigentliche Gesetz derselben die Entwickelung anerkennen. Denn in einem solchen Organismus kann Nichts zufällig geschehen, sondern es muß Alles Wirkung bestimmter Ursachen sein, und diese Wirkung wieder zur Ursache daraus erfolgender Wirkungen werden. Dies heißt Entwickelung — wo also Nichts Sache des Zufalles und Einfalles, Sache plötzlich eintretender Eruptionen, sondern alles Geschehende durch bestimmte Ursachen vorbereitete Wirkung. Allerdings steht man in der Geschichtedaß Individuen Träger eines großen Ereignisses sind, allein dieselben Individuen hätten Nichts vermocht, wenn nicht die Verhältnisse schon gänzlich vorbereitet gewesenwären, und hätten unter anderen Verhältnissen in anderer Zeit nichts dergleichen bewirkt. Allerdings sieht man in der Geschichte, daß bald hier, bald da große Ausbrüche, Revolutionen genannt, stattgefunden. Aber auch diese waren nur Wirkung lang vorbereiteter Ursachen, die man fast an den Fingern aufzählen kann. Ist aber unsre Zeit die des Erkennens; ist die Menschheit ein Ganzes, und die Entwickelung ihr wahrhaftes Gesetz — ein Gesetz, welches die Propheten auf jeder Seite anerkennen — ^und gehen wir mit diesen beiden Ansichten an die Frage über das Verhältniß der Religion zur Gesellschaft: so fragen wir zuerst — was war bis jetzt die Religion für die Gesellschaft? und was war die Gesellschaft für die Religion? Wir fassen hier vorerst Religion und Gesellschaft noch in ihrer allgemeinsten Bedeutung, und unterscheiden dann zunächst: dasWesen und die Erscheinung. In ihrem Wesen wurden Gesellschaft und Religion völlig auseinandergehalten, jeder von beiden ein ganz verschiedenes Gebiet angewiesen. Die Gesellschaft, sagte man, hat es lediglich mit dem materiellen Bestände der Menschen zu thun. In der Gesellschaft sollen die Bedürfnisse der Menschen durch Gegenseitigkeit befriedigt werden. Die Gesellschaft befaßt daher Alles, was zu dem wirklichen Bestände des Menschen auf Erden nothwendr'g ist, und hat den Austausch ihrer Produkte zu regeln, um nach dem rechten Maße durch gegenseitige Hingabe ihrer Erzeugnisse die Bedürfnisse eines Jeden befriedigen zu können. Es bleibt hier noch sich gleich, ob diese Bedürfnisse und diese Erzeugnisse theils leiblicher, theils geistiger Natur seien: die Aufgabe der Gesellschaft ist zuerst nur, die Verhältnisse der Menschen in dieser ihrer wechselseitigen Wirksamkeit für ihren Bestand auf Erden zu ordnen und aufrecht zu erhalten. Die Religion aber, sagte man, habe es allein mit dem idealen Bestände des Menschen zu thun; sie befasse lediglich sein Verhältniß zur Gottheit; sie lehre dieses Verhältniß dem Menschen kennen, suche ihn zu diesem hinzuführen und es in ihm zu befestigen. Allerdings verfolge nun auch die Religion die Konsequenzen dieses Verhältnisses zur Gottheit; und da der Mensch von Gott zur-Geselligkeit geschaffen ist, so umfaßt sie aus dem Verhältniß zu Gott heraus auch sein Verhalten