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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-11-15 · Heft 47 (15.11.1847) · p. Seite 698

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 47 (15.11.1847)
Date
1847-11-15
Page
Seite 698 (sequence 10)
Language
German
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698 da das geistvolle Mädchen alle Glut ihres kindlichen Herzens ausströmte; ach, sie bat um Verzeihung, wenn sie im Weh des Siechthums einmal verdrießlich gewesen, sie, die die Sanstmuth und Geduld selbst gewesen; sie bat um Nachsicht, für die vielen Mühen, die sie verursache, um Nachsicht das Mutterherz.... Versprechungen für die Zukunft fügte sie nicht hinzu, denn sie wußte, sie habe keine Zukunft ... aber Gottes gedachte sie, Gottes, der für einen schweren, heißen Nachmittag einen klaren, linden Abend giebt.... Als nun der Morgen gekommen, und die Mutter an das Bett trat, stand das blumenumwundene Geschenk der Kinder auf dem Bette der Kranken, und sie hielt mit zitternder Hand das Schreiben, o und aus den braunen Augen, die stets so vielen Hochsinn ausströmten, flössen die Thränen.... Aber es waren ihre letzten Thränen. Bis zwei Uhr hatte in der folgenden Nacht Jakob am Bette der Schwester gewacht, und sie hatte sanft geschlafen. Dann legte er sich nieder, und die Mutter stand auf, und setzte sich an ihr Bett. Aber um sechs Uhr rief die Mutter in die Kammer hinein, mit einem Rufe der Verzweiflung: „Jakob, steh auf! Lehnchen liegt im Sterben!"... Rasch waren die Knaben auf, Jakob stürzte an's Bett. Da lag seine Schwester, ausgestreckt, und, wie sie es im Schlafe vorausgesagt, der Krampf war wiedergekehrt, um die letzten Augenblicke des armen Kindes noch zu einer Stunde des Kampfes zu machen. Was wußte wol Jakob vom Sterbens Er wollte es nicht glauben, er tröstete die Mutter, er rief seiner Schwester mit den liebkosendsten Namen. Aber sie hörte nicht mehr. Die Züge waren verzerrt. Moritz mußte davon eilen, um Glaubensgenossen zu holen. Bald füllte sich das Zimmer, man murmelte Gebete. Die Sterbende senkte das Haupt. Da trieb man die Mutter mit ihren beiden Kindern hinaus aus dem Zimmer, nach jüdischem Brauch, um das Sterben nicht zu erschweren. Gut, daß es Juni war, denn sie konnten sich nach der Laube im Garten flüchten. So war es denn. Die Drei saßen im Garten. Niemand war um sie, als die blühenden Blumen, die sie nicht gewahrten, als der blaue Himmel, den sie nur durch den Schleier der Thranen sahen, und die dunkele Erde, die sie an die letzte Statte des geliebten Wesens erinnerte. Sie empfingen von vorn keine Nachricht mehr, als nach kurzer Zeit, daß der Kampf zu Ende, daß sie tobt sei.... Sie nahmen keine Nahrung zu sich. Sie blieben ganz allein, und sprachen Nichts. Vorn war bald ein geschäftiges Wühlen, denn nach der damals in jener Gemeinde noch herrschenden Unsitte sollte die Leiche noch vor Nacht bestattet werden. Allerdings, mein Leser, geht die Sonne manchmal sehr langsam ihren Lauf. Gott bewahre Dich vor allen Stunden, wo die Sonne langsam läuft. Ich höre Dich viel lieber über die Kürze der Zeit, über die Schnelligkeit der Tage klagen, als über langsam schleichende Stunden. Solche verlebten die Mutter und beiden Knaben am Sterbetage der Schwester, wie sie, die Knaben, hinter der Leiche zum Gottesacker gingen, bis sie versenkt war, und der Hügel gewölbt, bis sie heimgekehrt waren, und der harrenden Mutter weinend in die Arme sanken- Fürwahr, meine beiden Knaben, ich sehe Euch noch auf dem Eckstein sitzen an dem Häuschen, worin die Leiche auf dem Gottesacker abgewaschen, und neben Euch die vier Bretter, das letzte Bett Eurer Schwester, gesägt wurden. Jahre sind darüber hinweggegangen, aber ich sehe Euch noch auf dem Eckstein sitzen, Beide ganz allein, aneinandergelehnt, denn es fror Euch, mitten im Juni. Es waren arme Waisenkinder, deren Vater schon halb vergessen, und deren Mutter fern war. Hier und da blickte ein mitleidiges Auge auf Euch. Ein, zwei Schulkameraden standen weit ab, aber wagten sich nicht an Euch heran, denn das Unglück flößt auch eine Ehrfurcht ein, namentlich unverdorbenen Gemüthern. Fürwahr, die Ihr da auf dem Eckstein gesessen, wenn Ihr nicht gute, edle Menschen werden würdet, oder, laßt es mich sagen, geworden sein wäret — dann verstünde der droben schlecht die Erziehkunst. Aber Er versteht sie, und Ihr seid es geworden.... Noch lange, nachdem der letzte Hügel die letzten Reste der Schwester verschloß, fehlte ihnen, was der tägliche Gegenstand ihrer Sorge gewesen. ' Des Nachts wachte Jakob häufig auf, und glaubte zum Lager der Schwester zu müssen, und die Mutter schreckte empor, das Licht sei ausgegangen, und die Kranke rufe nach ihr. Als aber die Trauertage vorüber waren, hielten sie es allesammt in der vereinsamten Wohnung nicht mehr aus, sie sehnten sich nach dem mannhaften Aeltesten in L., der ihrem Dasein neue Stützen unterbauen sollte. Eine Gelegenheit bot sich ihnen dar, und sie fuhren nach L. Als der Wagen durch die reichgesegneten Fluren rollte, als der frische Morgenwind das Antlitz der Knaben umwehete, als die Schatten der Wälder sie aufnahmen, und die Rehe über den Weg sprangen — da erweiterten sich wieder die Herzen der beiden Kinder, und derJukl

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