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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-11-15 · Heft 47 (15.11.1847) · p. Seite 697

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 47 (15.11.1847)
Date
1847-11-15
Page
Seite 697 (sequence 9)
Language
German
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697 auch, daß es einen Vater der Wittwen und Waisen giebt, der nicht stirbt.... Ja, so knieest Du, Jüngling, da Du aus der Heimath ziehest ... einst wenn Du nahe bist, wieder einzuziehen ich meine just nicht in die irdische Heimath wirst Du an viel mehren Grabhügeln knieen, und wenn auch nur im Geiste, da das leibliche Knie dann zu steif ist, aber es ist dann Alles erfüllt, wenn auch nicht so, wie Du es Dir jetzt denkest.... Den Abend brachte der Jüngling noch lange am Bette seiner Schwester mit der Mutter zu, und die drei ernsten Gemüther hatten sich viel zu sagen. Vor Allem aber suchte Abraham die Rede auf die fröhliche Zukunft zu wenden, und, ehe sie es sich versahen, hatten sie die freundlichsten Bilder um sich heraufgezaubert, trotz der öden Wirklichkeit, die um sie her lag. „Ich betrachte es als ein günstiges Omen/ sagte er, „daß mir so kurz vor Thorschluß noch geholfen worden. So denke ich, wird es mir immer gehen, und darum bin ich gar nicht mehr bange." Und so brach der Abschiedsmorgen an. Der Jüngling stand wie ganz gewöhnlich auf, verrichtete seine gewohnten Geschäfte, trank wie gewöhnlich mit der Familie seinen Kaffee. Um neun Uhr stand er vom Stuhle auf, nahm den Wanderstab und den Hut in die Hand — sein Gepäck hatte er schon vorauf geschickt — und nun sprach er: „Jetzt will ich gehen...." Wie sie sich umarmten, Sohn und Mutter und Tochter und Brüder, und Jeder dem Andern Worte des Trostes zusprechen wollte, und Jedem die Stimme versagte vor Schluchzen. Endlich riß sich der Jüngling los, und schritt hinaus... die Mutter ging ihm nach, aber wagte nicht die Thüre noch einmal zu öffnen.... Jakob hatte sich zu der Schwester auf das Bett gesetzt, und hielt ihre beiden Hände; nur der „Kleine" war vorangeeilt mit dem Bündel und der Pfeife und dem Tabacksbeutel Abraham's, und wollte ihn eine Strecke begleiten.... Jetzt ist er fort — doch nein! er war wol draußen einen Augenblick stehen geblieben, um sich dieThranen aus dem männlichen Antlitz zu wischen, und siehe! jetzt ging er an den Fenstern vorüber, und da schaute er noch einmal scharf durch die Scheibe auf die Schwester, die aufrecht auf ihrem Lager saß, und hob den Stock in die Höhe, um noch einmal zu winken.... „Nun habe ich ihn zum Letzten Male gesehen!" flüsterte sie dem Knaben ins Ohr. Der rief: „Nein! Nein! Lehnchm! er kommt wieder!"... „Ja, er kommt wieder, aber dann..." Und sie legte sich ruhig in die Kissen zurück. Und es vergingen abermals zwei Monde. Da kam der zweite Abschied. Nachdem jenes merkwürdige Schlafschauen von dem kranken Mädchen gewichen, hatte sie sich genau, wie sie vorausbestimmt, gebessert. Die Krämpfe hatten aufgehört, die Kräfte belebten sich eine kurze Zeit, so daß sie sogar wieder das Bett verließ, Alles schien in bester Ordnung. Da trat aber die Abzehrung ein. Der durchwühlte Leib des zarten Mädchens hatte die drei Jahre unaufhörlichen Kämpfens, hatte die darauf gefolgten geistigen Affekte nicht ertragen können, ohne im innersten Kerne zerknickt zu werden. Sie zehrte ab; leichte Fieber stellten sich ein, und alle Vorboten fortschreitender Auflösung. Abraham sandte einen menschenfreundlichen Professor, einen berühmten Arzt von L. her, welcher den strebenden, ernsten Jüngling lieb gewonnen. Er sagte der duldenden Familie nicht, wie weit die Zerstörung schon um sich gegriffen, verschrieb etwas Linderndes, und verließ die Hoffenden. Seit vierzehn Tagen hatte sich jetzt der Schlaf wieder eingefunden, von selbst, und in erhöhtem Maße, aber nur Abends eine sehr kurze Zeit. Da sprach sie offen ihren nahm Tod aus. Aber während die Familie ihr Alles geglaubt — ihren Tod glaubte sie ihr nicht. So wunderbar ist des Menschen Seele geschaffen, und so umstrickt das Herz den Verstand. Sie sprach viel von der bessern Zukunft derFamilie, und vom gütigen Gotte, der über sie walte, und vom theuern Vater, der für sie wache. Aber ganz Bestimmtes offenbarte sie nur der Mutter, und verschloß ihr mit Gelübden den Mund, so daß es auch Jakob nicht erfuhr, und ich selbst, mein Leser, es Dir nicht mittheilen kann. Nur so viel weiß ich, daß ihre Voraussagungen sich über mehre, mit der Familie verbundene Personen erstreckten, und daß die Mutter nach Jahren noch oft versicherte — bisweilen wenn irgend eine Nachricht gekommen — es sei Alles, Alles eingetroffen. Es war ein Mittwoch, ein schöner, schöner Junitag, und der Mutter Geburtstag. Jakob und Moritz hatten seit Wochen durch Abschreiben einige Groschen erworben, von denen sie wieder einige Pfennige sich zurückbehalten und gespart. Nach langer Berathung mit der Schwester hatten sie ein neues Kaffeegeschirr dafür erkauft zum Angebinde für die Mutter; ein zierlicher Kranz wand sich darum. Da mußte, wahrend die Mutter am Tage vorher einen Gang ausgegangen, Jakob sich an das Tischchen der Schwester setzen, und sie diktirte ihm einen Glückwunsch für die Mutter in die Feder. O, wie 47*

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