Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1847)
- Date
- 1847-11-15
- Page
- Seite 696 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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696 Belletristisches. Das jüdische Herz. (Fortsetzung aus No. 37. 39. 42. 45.) 5. Unsrer Familie standen zwei Abschiede bevor. Der erste war — der Abgang Abrahams auf die Universität. Der Winter mit all seinen Schauern und Entbehrungen für den Armen war vorübergegangen. Eine wärmere Lust streifte wieder durch die Atmosphäre. Die Erde hatte sich mit Grün bekleidet. Die Baume und Gesträuche steckten die Spitzen ihrer Blätterknospen hervor. Die Armuth athmete wieder auf. Daß der Ofen des Holzes, und die Lampe des größten Theils des Oeles entbehren kann, ist schon ein großer Gewinn; und daß der Arme nicht mehr alle Augenblicke an die Dürftigkeit seiner Kleidung, an die Mangel und Lücken derselben erinnert wird, macht ihm das Leben leichter und angenehmer. Ostern war genaht; das fröhlich-ernste Frühlingsfest, welches darum fröhlich, weil es den Blick voll Hoffnungen in die Zukunft richtet, und darum ernst, weil für die Erfüllung dieser Hoffnungen noch wenig Gewähr gegeben ist, und der Mensch weiß, wie oft hinter der Hoffnung die um so grausamere Enttäuschung lauert. Abraham wußte, er müsse nun zur Universität abgehen; es hielt ihn Nichts mehr zurück, aber Alles drängte ihn dazu. Der Entschluß war langst gefaßt, auch bekannt geworden; die Bedingungen waren Alle erfüllt; er hatte ein glänzendes Abiturientenexamen bestanden; die vortheilhaftesten Zeugnisse lagen bereit; sogar ein t68Ü. monium paupertatis hatte man ihm nicht versagt! Die Mutter hatte Alles zusammengerafft, um ihm nurnothdürstig die Wäsche zuzurüsien. Aber Alles dies genügte noch nicht ... o du unersättliche Welt! Kenntnisse, Tugend, Wille, Alles genügt ihr nicht, sie will noch Eines, und ohne dieses Eine Nichts verwilligen — Geld. Es waren herbe Tage für die Familie, als die letzten vierzehn Tage gekommen, der äußerste Termin. Mit Sorgen legte man sich nieder, mit bangem Herzen stand man auf. Fürwahr! man dachte nicht mehr an die Schmerzen der Trennung, sondern wünschte diese schon herbei, da man dann doch über den eigentlichen Berg gekommen sein mußte. Aber es kam keine Hilfe, es kam kein Trost, sondern lediglich der Tag der Abreise.... Da raffte sich die Wittwe noch einmal auf. Sie nahm ihren „Kleinen" an die Hand, eine Bittschrift in die Hand, ein schönes Gedicht von Jakob daneben, und trat so vor den Landesfürsten. Ein Fußfall ... die Thränen der Wittwe, welche um ihre verwaisten Kinder flehte ... er nahm sie gnädig auf. Freilich das Landesgesetz, wonach kein Jude aus einem Stipendium eine Hilfe erhalten konnte, und wäre er der talentvollste, konnte er nicht ändern.... Es war am dritten Vormittage vor der Abreise, als ein fürstlicher Lakai in die Hütte trat, und eine mit fünf Friedrichsd'or beschwerte Antwort brachte. O du Kind der unterirdischen Höhlen und Gange, Metall — warum verbreitest du oft unter den Menschenkindern eine größere Freude, als wenn die Sonne droben ihr lauterstes Gold in Fülle herabsendet!? Nun konnte er reisen; nun war der theure Sohn doch für einige Wochen geborgen; wie schlugen die Herzen in Jubel, und der helle Sonnenschein draußen legte sich nicht blos um die abgehärmten Angesichter, sondern auch um erleichterte Herzen. Wot stand es sehr knapp in der Familie, aber diese fünf Goldstücke waren ein Heiligthum, das die Mutter um Nichts in der Welt angegriffen hätte; sie gehörten dem hohem Zwecke des Sohnes an. Jetzt konnte man dem Gefühle des Abschiedes sich freier hingeben. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Am Tage zuvor besuchte der Jüngling noch einmal das Grab des Vaters; Jakob begleitete ihn, blieb aber bei den ersten Hügelreihen des Gräberfeldes zurück. Dort, siehst Du, dort, einige Schritte rechts von der Mauer, dort ruht die Hülle, die'sterbliche, Deines Vaters, Jüngling. Der Hügel ist eingesunken, der Grabstein geborsten, die Schrift noch kaum leserlich. Wenig mögen die Ueberreste, die staubigen, des geliebten Todten da drunten noch sein. Du sinkst auf die Knie, Dein Haupt fällt nieder auf den Rasen, Deine Augen strömen über?... Was willst Du hier?... Gelübde der Tugend, der Treue ablegen — Dein reines Herz kennet noch Nichts weiter als diese. Vorsätze des Fleißes, des rastlosesten Strebens — Anderes wohnet ja nicht in Dir. Schüttest Du Deine Wehmuth über Deine Kämpfe, über die Wehen Deines Geschickes aus?... Als der Tobte drunten sein Haupt auf das Sterbekissen legte, wußte er Alles, was Euch bevorstand ... aber er wußte