Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1847)
- Date
- 1847-11-15
- Page
- Seite 694 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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694 Pesth, im Oktober. (Privatmitth.) Wie Ihnen bekannt sein wird, besteht hier schon seit zwanzig Jahren ein Kultustempel, der aber blos durch Predigt und Chor sich von der alten Synagoge unterscheidet, übrigens ganz dem alten Ritus treu bleibt. Herr I. Bach, der treffliche Lempelprediger, bestrebte sich in seiner jüngsten Festpredigt zu zeigen: welch' ein dringendes Bcdürfniß der Gegenwart es sei, auf Mittel bedacht zu sein, der täglich weitergreifenden Irreligiosität und dem Jndifferentism entgegen zu arbeiten und in den Herzen des Heranwachsenden jungem Geschlechts Andacht zu erwecken und sie der Frömmigkeit und Gottesfurcht zuzuführen. Als geeignetes Mittel hiezu regte er die Hebung und Verherrlichung des Gottesdienstes durch deutsche Gebete und Drgelbegleitung an. Der Vorschlag fand bei der überaus zahlreich anwesenden Zuhörerschaft allgemeinen Anklang, so daß sich alsogleich in der Synagoge gewissermaßen ein Verein zur Realisirung desselben bildete und von Tag zu Tag die Zahl der Subskribenten mehrt, die sich für diese Reform und sich bereit erklären, diese auch möglichst mit Geldopfern fördern zu wollen. Ueber den Verfolg der Sache ein Mehreres, sobald sich irgend ein reeller Erfolg zeigt.... Im „Pesti Hirlap" jammert ein preßburger Hyperpatriot: „Was werden nur die edelen Vertreter der ungarischen Nation sagen, wenn sie nach Preßburg zum Reichstag sich versammeln, den Juden emanzipiren wollen und — horribile dictu — zu ihrem Entsetzen bemerken, daß der hiesige Rabbiner nicht nur keine Propaganda für die Magyaromanie macht, sondern sogar seinen Schülern das Lernen der ungarischen Sprache verbietet." — Ich glaube zwar nicht im Entferntesten, daß der nächste Reichstag uns Emanzipation bringt, und wir werden froh sein, wenn wir nur keine Rückschritte machen und nach Ablauf desselben beim Alten geblieben sind, jedoch fühle ich mich im Interesse der Wahrheit veranlaßt, jene Behauptung für baare Lüge zu erklären. Ich kann dies um so eher, da ich selbst mehrere Jahre hindurch ein Schüler der preßburger Hochschule (vulgo war und also die diesfälligen Verhältnisse aus eigener Anschauung kenne. Der heutige presburger Rabbine verfährt im Allgemeinen nicht so strenge gegen jene Schüler, die sich nächst dem Talmud auch mit anderen Wissenschaften beschäftigen. Und wenn er das Eine und Andere nicht gerne sieht, so sieht er's gar nicht, indem er — ausgehend von demtalmudischen Grundsatz: ‘pTfn tst brn ■paaiia rirpia 2U1» — lieber ein Auge zudrückt und Manches im Stillen geschehen läßt, als daß er unnützen Eklat machen sollte, da er wol einsieht, daß der Zeit auch das Ihre eingeräumt werden muß. Gegen die Beschäftigung aber mit ungarischer Sprache und Literatur sprach er nie. Vielmehr muß gesagt werden, daß er seine Bachurim noch dazu aufmuntert und darum selbst die Frömmsten und Heiligsten unter ihnen sich zu magyarisiren streben. Ich kannte — während meines Jeschiwabesuchs — mehrere Bachurim, die weder das deutsche noch das ungarische Abc wußten und die ungarische Sprache derart lernten, daß sie im Anfang die Wörter und Sätze, welche ihnen der Lehrer zum Auswendiglernen aufgab, mit jüdischdeutsch en Lettern schrieben!!... Wenn solcheJndividuen sich an das Erlernen des Ungarischen wagen, so ist das wol das vollkräftigste Zeugniß, daß es von oben herab nicht verboten wird.... Der Hauptgegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit und Freude war in den letzten zwei Monaten die — vergangene Woche beendigte — Rundreise des allverehrten k. Statthalters und Palatins in spe. Daß auch die Juden überall sich thätig zeigten, ihm ihre ergebenste Aufwartung zu machen, läßt sich wol denken. Am Schönsten geschah dies von denen des ssroser und abüjvärer Komitats. Der Abend des denkwürdigen Tages, wo eine Deputation dieser Komitate das Glück hatte, Sr. k. Hoheit ihre Huldigung darzubringen und von diesem huldvollst empfangen zu werden, wurde mit einem großen Gastmahl gefeiert und zur Verewigung dieser freudigen Erinnerung noch während des Mahles ein „Verein zur Verbreitung der Handwerke unter den Israeliten" gestiftet, zu welchem sogleich bis 5000 Fl. K. M. gespendet wurden, indem Herr Holländer an der Spitze mit 800 Fl., die HH. 1)1). Bach und Roth jeder mit 200 Fl. K. M. u. s. w. subskribirten. Unter der Leitung solch' tüchtiger und willenskräftiger Männer wird der Verein sich gewiß bald der schönsten Wirksamkeit und der glücklichsten Erfolge erfreuen.... Vergangene Woche kehrte Se. k. Hoheit hieher nach Ofen zurück und empfingen während ihres kurzen Aufenthaltes daselbst mehrere Deputationen der Schwesterstädte. Auch der „Verein zur Verbreitung der ungarischen Sprache unter den Israeliten Ungarns" entsandte eine Depu-