Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 46 (8.11.1847)
- Date
- 1847-11-08
- Page
- Seite 685 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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685 nordischen Staate widerstehen, wer die Ausführung der Plane verzögern, die Peter der Große für seine Nachfolger entworfen? Man muß es eingestehen, daß Nikolai seinen Plan mit eiserner Beharrlichkeit, und nicht ohne Glück verfolgt; und wenn die vollbrachte Durchführung uns die Macht einer Krone zeigen wird, wie sie die Welt noch nie gesehen; wenn das russische Volk, das Ln seinen Kaisern den Gott auf Erden verehrt, im Feuer seines lebendigen, thatkräftigen und einträchtigen Patriotismus der Krone seinen ungetheilten Beifall, seine innige Dankbarkeit zujauchzt, so ist dieser Jubelruf der Gcabgesang der übrigen Religionen und Nationalitäten, die unter den Streichen barbarisch sie erdrückender Gesetze ihr Leben, hre Freiheit verhauchen. Allen anderen Religionen gegenüber hatte Nikolai noch politische Rücksichten zu beobachten, obwot ec, in Wahrheit gestanden, um ganz Europa wenig giebt. Er verlacht das zerriffene und in Kleinlichkeiten ausgehende Deutschland; er weiß, England fürchtet ihn in Ostindien mehr, als er vor demselben banget; er kennt Frankreich, in dem Ludwig Philipp zu sehr mit der Befestigung seiner Dynastie beschäftigt; er macht den deutschen beiden Großmächten durch seine ungelegene Nachbarschaft soviel zu thun, daß alle Welt nur ihn zu fürchten hat, er allein aber das ganze Europa im Schache hält. Und bezeichnend ist sein Wort, das er gegen den Marquis von Custine äußerte, daß er von allen Großmächten der Welt nur die Republik der vereinigten Staaten in Wahrheit achte. Trotz dieser begründeten Rücksichtslosigkeit will man weder dem protestantischen, noch dem katholischen Europa gegenüber mit der geeigneten, russischen Schärfe auftreten, obwol man das Ziel der Vernichtung dieser Religionen in Rußland beharrlich verfolgt, obwol die Zerwürfnisse mit dem römischen Stuhle schon so weit gediehen sind, daß zwei seiner tüchtigsten Diplomaten, Dluj dow und Butenieff, ungeachtet aller begütigenden Schil- > derungen und Versprechungen, mit der Kurie nicht zum! Ziele kommen können. Aber wen hat man zu schonen, wenn es die Unterdrückung der Juden, die Vernichtung des Judenthums gilt? Welche Rücksichten hat man zu beobachten, wenn : man auf diese unglücklichen zwei Millionen Leid und j Wehe häuft? Niemanden hat man zu schonen, keine! Rücksichten zu beobachten, und darum macht die Judenverfolgung in Rußland auch so furchtbare Riesenschritte. Die Kirche heißt ein solches Werk ein frommes, gottgefälliges, das dem Kaiser den Namen des Heiligen erwerben würde, die Staatspolitik heißt das Unternehmen ein zweckmäßiges, weises, das die Größe der russischen Krone nur befestigen und die russische Nationalität im weitesten Sinne des Panslavismus nur verbreiten und dem Kaiser den Namen des Großen erwerben könnte. Und was sollte den Kaiser von der beharrlichsten Durchführung seines judenvertilgenden Planes abhalten, selbst wenn man behaupten sollte, ein Mann, der so hoch gestellt ist, könne kein Judenfeind sein, kein Feind irgend eines Theiles seiner Unterthanen sein! Das erste Gesetz von eminenter Wichtigkeit gegen die Juden war nun dasjenige, das die Militärpflichtigkeit derselben anordnete. Obwol die Juden in Deutschland die Einführung der Militärpflichtigkeit als einen Schritt zur Emanzipation zu betrachten gewohnt sind, so ist das in Rußland schon von vorne herein ein Anderes. Denn erstens bestehen die Gemeinen nur aus dem Sklavenstande und Verbrechern, und die Juden sanken dadurch um eine Stufe tiefer (was indessen auch bei den freien christlichen Bewohnern der Ostseeprovinzen der Fall ist); zweitens müssen die Juden ohne alle Hoffnung auf Avancement dienen; drittens war es das erste Mittel, die Juden en gros der Taufe zu nähern. Es wurde ihnen zwar Kraft des Gesetzes, die volle Ausübung ihrer Religion, die Haltung von Synagogen, die Erwählung von Rabbinen, Ehasanim und Schochetim aus ihrer Mitte gestattet. Allein die Aussichtslosigkeit des Avancements treibt schon Viele zur Taufe; und da die Juden auch Kinder von zwölf Jahren abgeben durften, diezwar erst von ihrem achtzehnten Jahre an den fünfundzwanzigjahrigen Kriegsdienst anzutreten hatten, aber während der sechs Jahre in den kaiserlichen Soldatenschulen erzogen und verpflegt werden, so bietet sich hier Gelegenheit genug dar, auf die kindlichen Gemüther zu wirken, und sie zur Taufe vorzubereiten. Ich habe den schlagenden Beweis hievon in Händen. Wahrend meiner Anwesenheit in Riga erhielt der Kahal von dem Militärkommandanten daselbst eine Zuschrift, daß im Laufe der Woche zweihundert jüdische Kantonisten — so nennt man diese Soldatenkinder — in den wirklichen Dienst eingeschworen werden sollten. Es war der Akt ein höchst feierlicher und imposanter, als die zweihundert Mann in voller Uniform in die Synagoge traten; aber er war verbittert durch den Gedanken, daß zur selben Stunde ihre übrigen zweihundert Mitgefahrten in einer griechischen Kirche eingeschworen wurden, da sie durch die Taufe