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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-11-08 · Heft 46 (8.11.1847) · p. Seite 684

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 46 (8.11.1847)
Date
1847-11-08
Page
Seite 684 (sequence 12)
Language
German
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684 zu Ende war; die Juden, die sich dort schon heimisch fanden, baten um die Eclaubniß, bleiben zu dürfen — allein laut dem Gesetze wurde ihnen vom Generalgouverneur ihre Bitte verweigert, und sie in ihre Heimath zurückgesandt. Darauf wies die Krone den Juden die Steppen Chersons als Land an, auf dem sie sich niederlassen könnten. Ueber 1500 Juden aus dem einzigen Gouvernement Kurland meldeten sich augenblicklich, verkauften Hab und Gut und wollten die Wanderung dahin antreten. Allein alle Anfragen blieben von den Behörden unbeantwortet, bis der Kaiser mit dem Thronfolger einst inkognito in's Ausland durch Mitau reisten, und eine jüdische Schneidersfrau beherzt zu dem Wagen trat, ihn als General, der dem Kaiser bekannt sei, anredete und ihn um seine Verwendung für die Unglücklichen anging. Eine Entschließung erfolgte, vermöge welcher die Krone eine bedeutende Summe zum Transport anwies, und den Juden dort Haus und Vieh und Geräthe und Samen zum ersten Anfänge versprach. Ich war selbst in Mitau, als die Leute abzogen; ich hielt die Rede bei dem Dankfeste, das die Gemeinde zur Feier der kaiserlichen Gnade veranstaltete; es war ein allgemeiner Jubel; es war, als ginge man einer neuen Aera entgegen. Allein wie bald verstummte diese Freude; Nachrichten trafen ein, daß ein Drittel der Auswanderer durch die Nachlässigkeit der Behörden auf dem Wege schon gestorben sei; daß sie in Cherson ein ödes, dürres Land gefunden, in dem aus Mangel an Wäldern der Regen etwas seltenes sei; daß die Ankömmlinge weder Haus, noch Vieh, noch sonst etwas vorgefunden hatten; daß nur die Munisizenz eines jüdischen Lieferanten, Namens Salomon Raffalowitsch, sie eine Zeitlang erhalten habe, und daß ihr Elend ein grenzenloses sei. Dadurch waren aber nicht nur die Betroffenen in Elend gestürzt worden, sondern die Juden ergriff der alte Widerwille gegen den Ackerbau, die in dem ganzen Plane nur eine Falle ihres Verderbens sahen. Von allen bis dahin entstandenen Kolonieen waren nur diejenigen gediehen, die in den Gouvernements Volhynien und in Witebsk von Juden selbst — Letztere von dem erblichen Ehrenbürger Rappoport — gegründet worden waren. Da sie gutes Land sich gewählt, in der Nahe von Städten, und nicht zu entfernt von ihren jüdischen Brüdern, die sie unterstützten, sich niedergelassen hatten, so waren sie, wenn auch in langsamer, dennoch in zunehmender Blüte. Und auch diese genaue Angabe der Fakta zeigt es wieder, daß der Vorwurf des Widerwillens gegen den Ackerbau, wenigstens seit dem Jahre 1835 sie nicht gerechterweise trifft, und daß, wenn sie heute mißtrauisch und vorsichtig geworden, die Ursachen ganz anderswo zu suchen sind. Nach diesen traurigen Erfahrungen sprachen sich die Juden dahin aus, daß sie in großer Masse dem Ackerbau sich widmen wollten, wenn man ihnen Ländereien in den von ihnen bewohnten Gouvernements und zwar in ihrer Nahe anweisen wolle. — Nicht besser steht es mit dem Vorwurfe der Abneigung der Juden gegen die Studien. Die jüdischen Eltern kommen selbst in vielen Staaten Deutschlands, die den Juden die Anstellung im Staatsdienste verweigern, endlich zur Einsicht, daß es ein Unsinn ist, ihre Söhne Jurisprudenz rc. als Brodfach studiren zu lassen, da ihnen ja alle Aussicht auf ein Unterkommen genommen ist, man die Kinder um die schönen Jahre ihrer Jugend bringt, und sie, wenn sie beim Fache bleiben, fast mit eigenen Vaterhänden zur Taufe treibt; und wie Viele kenne ich, die die Gymnasien und ihre Studien verließen und wieder zum Handelsstande übertreten mußten. Um wie viel mehr ist dies in Rußland der Fall. Nikolai, anstatt die Juden zu den Studien zu ermuthigen, befahl vielmehr gleich bei seiner Thronbesteigung, daß alle Juden, die unter Alexander in den Staatsdienst ausgenommen und für ihre Verdienste mit Orden reich dekorirt waren, auf den Staatsdienst und ihre Orden resigniren oder sich taufen sollten. Ich selbst kenne Kollegien- und Hofrathe, die mit dem Annaorden um den Hals am Dn riH in die @i;na£Oge gekommen waren, fleißig und andächtig beteten, und zur Taufe gezwungen wurden. Ein Beispiel, das den frommen jüdischen Eltern keine freudigen Aussichten eröffnete, und sie nicht anseuerte, ihre Söhne den Studien zu widmen. Und wirklich sieht man leider Viele, die der innere Trieb von selbst zu den Wissenschaften führte, zu der christlichen Kirche übergetreten. So standen die jüdischen Angelegenheiten, als Kaiser Nikolai die Zügel der russischen Regierung ergriff, und sein Regierungsprinzip in den drei Worten aussprach: „Prawoslüwie Samodershüwie i Narodnost" d. h. russisch-griechische Kirche, Autokratie und russische Nationalität. Dahin streben alle Maßregeln des mächtigen Kaisers. So wie er der Zar und Selbstbeherrscher aller seiner Unterthanen ist, so will er auch das geistliche Oberhaupt, der Patriarch aller seiner Völker sein; und wenn Staat und Kirche in einer Hand liegen, die verschiedenen Nationalitäten verlöscht und im Russenthume aufgegangen sind — wer, so denkt der Kaiser, mag dann dem

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