Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 46 (8.11.1847)
- Date
- 1847-11-08
- Page
- Seite 681 (sequence 9)
- Language
- German
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681 nach wie vor in die Welt schleudern, wenn ihn die weltliche Gewalt nicht daran verhinderte, und der Chacham Bernays in Hamburg hat einem unserer Reichen (K. P.) vor einigen Jahren die Lehre gegeben, daß das Wort Toleranz „die Welt verdorben" habe. „Man dürfe," sagte er ihm, „gegen die Uebertreter (a^wis) nicht tolerant sein, und die Frommen müssen alles Mögliche thun, um das erste Beginnen der Aufgeklärten zu Hintertreiben." Dieser Geist weht allerdings auch im Choreb, und es ist bezeichnend genug, daß selbst der „gesäuberte" Rabbinism, der keinen Satan, keine Dämonen, keinen „Gerichtstag", kein „Traumfasten" (oibn rv'syn) mehr kennt, und die Geheimnisse der Tora (min ->-inv) verwirft, sich von unsittlichen Tendenzen nicht zu reinigen vermag. Alles dies läßt sich von Frankel in Dresden nicht sagen. Dieser steht auf höherem Standpunkte: er ist Gelehrter, Kritiker, Skeptiker. Darum ist auch sein Bruch mit dem Rabbinismen viel weiter, klaffender, unheilbarer. Es ist in der That auffallend, wie die oberschlesische und frankfurtische Orthodoxie Herrn Frankel als ihren Vertreter begrüßen und mit Lobeserhebungen überhäufen konnte, da ja selbst seine heroische Erklärung zu Frankfurt, er stehe auf positiv-historischem Standpunkte, seine wahre Denkart durchblicken ließ. Warum sagte er nicht geradezu: „ich stehe auf dem Standpunkte des Talmuds, des Rabbinism, des Schulchan-Aruch," auf welchen ihm die R. V. nicht hätte folgen können? —Aber der wackere Frankel hat ja schon im Jahre 1841 auf die Entwickelung der talmudischen Halacha hingewiesen, und die Faseleien von einer ursprünglichen Tradition verworfen (Vorrede zu den Studien); und in seinem neuesten Werke (S. 105) sagt er gar, daß die Redaktion des Talmuds ziemlich verunglückt sei! Also dahin führt die weltliche Bildung! Die Redaktion des Talmuds verunglückt! nvuiw 'i«! Bei solchen Aeußerungen ist es kein Wunder, daß Herr Frankel die Angaben des Talmuds über die Entstehung des Sanhedrin als falsch verwirft, und damit die talmudische Tradition ihres Grundes und Bodens beraubt. Unsere hiesigen Orthodoxen wissen nun zwar von allem dem kein Jota, wie denn überhaupt das Wissen nicht sehr beliebt bei ihnen ist, — aber nichtsdestoweniger ist Frankel, seitdem er in der csalaer Angelegenheit gegen unfern seligen Sofer geschrieben, als Einer der kecken Neuerer bei ihnen angeschrieben. Es gehört, wie Sie wahrscheinlich wissen, zu den Charakterzügen unserer Sofrianer, daß sie an ihrem Lehrer und Meister mit unbedingter Liebe und Hingebung hangen, und leichter einen Tadel des Amramiden Moses ertragen, als einen Tadel Moses Sofers. Ist es daher zu verwundern, daß jene antisoferische Epistel eine unauslöschliche Erbitterung in ihren Herzen zurückließ? — Dazu kam noch der Umstand, daß eine Beilage dieser Blätter jene Epistel erst nach dem Tode Sofers brachte, und die hiesigen Chorführer steif und fest behaupteten, dieselbe wäre in der Absicht geschrieben, um — nach Weise Mannheimers — den mikrologischen Landmann Göthe's noch im Grabe zu beschimpfen! Darin hatten sie denn freilich Unrecht; darin aber, daß sie Frankel, trotz der frankfurter Hegira, nach wievor zu den „Neuerern" zählen, haben sie offenbar Recht, und sie müssen in der That von ihrem Lehrer das feine Gefühl geerbt haben, Ketzereien auch in der weitesten Ferne zu riechen. Wo gäbe es auch einen orthodoxen Rabbaniten, der die Frankel'sche Theorie von dem Miniatur-Messias für die äthiopischen, chinesischen, hindostanischen und russischen Juden gut zu heißen vermöchte? — Kann sich ein ehrlicher Rabbanite jemals dazu verstehen, daß man die hebräischen Gebete abschaffen müsse, sobald dieselben dem Volke nicht Zusagen (G. A. S. 54)? Und wenn Herr Frankel bei Gelegenheit des Hamburger Tempelstreits erklärte, „daß Bernays den finstern Geist der dahingeschwundenen Jahrhunderte herausbeschwören wolle; daß mit den Waffen des vor mehreren Jahren ausgesprochenen Interdikts auftreten wollen eine Verkennung der Zeit und ihrer Bedürfnisse sei," — wird ihm darin auch nur Einer unserer orthodoxen Rabbiner beistimmen? Wenn das Interdikt Jakob Lissa's, Benets, Sofers nach zwanzig Jahren keine Beachtung mehr verdient, worauf soll sich dann die Autorität eines Karo und Jfferls gründen? -Aber das sind nun einmal die Früchte des gottlosen Lesens und Studirens; und so lange wir nicht im Sinne unseres Verstorbenen bei der Regierung das Verbot des Namenbüchleins durchsetzen, werden wir vor den Anfechtungen des deutschen Judenthums nicht sicher sein. Es ist also dringend nothwendig, das Uebel bei der Wurzel zu fassen. Was im Jahre 1832 nicht durchzusetzen war, könnte vielleicht im Jahre 1847 durchgesetzt werden. Eine Jm- 46*