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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-11-01 · Heft 45 (1.11.1847) · p. Seite 670

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 45 (1.11.1847)
Date
1847-11-01
Page
Seite 670 (sequence 10)
Language
German
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670 dieser. „Wohin ich will? Ich muß ... zu einem Gottesacker gehen, zum jüdischen Gottesacker.... Man hat mir da meinen Sohn, meinen einzigen, begraben...." Der Greis sprach es, mit zitternder Stimme; schwere Seufzer quollen ihm aus der Brust, seine Augen füllten sich mit Thranen, seine Knieen wankten. Er griff nach Abrahams Arm, und stützte sich fortan darauf. — Bald erblickte Abraham einen Glaubensgenossen, sprang zu diesem hinüber, und erkundigte sich leise nach dem Beth Olam. Wohin dieser ihn befchieden, leitete er den Greis. Nach einiger Weile hob dieser wieder an: „Ich bin schnell um meinen einzigen Sohn gekommen; er war aus einer Geschäftsreise begriffen, als die Pferde beim Herunterfahren eines Berges vor dieser Stadt scheu wurden; mein Sohn wurde aus dem Wagen geschleudert, und tödtlich verwundet. Man brachte ihn hierher, und er verschied hier. Die Nachricht warf mich auf ein langes Krankenlager; kaum genesen, eilte ich hierher, um sein Grab zu besuchen, die Stätte, die die Reste meines Kleinods birgt. Ich habe heute Nacht in dem Zimmer zugebracht, wo mein Sohn seine letzten Seufzer ausstieß. Vielleicht beruhigt mich dies, und ich kann gestärkter zu meinen zwei Enkeln heimkehren." Abraham war tief bewegt. Siehst du, sprach er zu sich, das Unglück weilt nicht allein zwischen den vier Pfählen einer Hütte. Denn das Aeußere und das ganze Wesen des Greises verrieth einen begüterten Mann. Er sprach einige tröstende Worte; mehr noch sprach für sein Mitgefühl die Thräne, die ihm in das Auge gedrungen. „O Herr," sprach er, „es giebt Viele, sehr Viele, deren beste Hoffnungen in einem Grabeshügel ruhen, der sie nicht wieder erstehen laßt...." Der Greis sah ihn scharf an. „Sie sind ja noch so jung, aber ich, morsches Reis, was hätt' ich noch zu erwarten?" Der Jüngling ließ statt der Antwort das Haupt auf die Brust sinken, und schwieg. Warst du ein erfahrener Mann, Greis, so wußtest du die Erwiderung: ein unglücklicher Jüngling hat das noch nicht, was ein Greis hat, Etwas errungen; aber die Uebet des Lebens hat er alle noch zu erwarten, da sie Keinem erspart bleiben. Aber, mein Leser, ich will Dich nicht mit auf den Gottesacker führen. Laß nur die Beiden allein gehen. Der Greis wird seine Fassung am Hügel seines Sohnes wieder finden, und dem Jüngling werden heiligende Gedanken durch die Seele gehen, besonders: daß die Jugend nicht so heftig an das Leben andrängen, und so an das Leben all seine Haltung verlieren müsse, da Niemand weiß, wie weit ihm das Leben sich dehne, und er so leicht an ein Nichts all seine Kräfte verschwendet haben könne.... Nach Verlauf einer Stunde führte Abraham den Greis zurück; er begleitete ihn noch zu den Vorstehern der Gemeinde, bei denen er reiche Gaben für die Armen niederlegte und einen angemessenen Leichenstein bestellte. Als sie zum „Löwen" zurückgekehrt, bat der Greis unfern Abraham ihn nach einigen Stunden, die ec der Ruhe widmen wolle, noch einmal aufzusuchen, da ec ihn noch dringend sprechen müsse. Abraham ward auf das Zimmer des Greises geführt. Nach freundlicher Begrüßung bat ihn der Greis, ihm Etwas von seinen Lebensverhältnissen mitzutheilen. Er solle dies nicht für Neugierde halten; aber sein Benehmen gegen ihn, und da er ein Theilnehmer einer für ihn so großen Stunde geworden, mache es ihm zum Bedürfniß. Abraham sah nicht ein, warum er zurückhalten solle, um so mehr, da ein so lebenserfahrener Glaubensgenosse die Verhältnisse wol zu beurtheilen verstehe. Ec erzählte ihm, wie sein Vater, Lehrer an einer jüdischen Schule, früh in's Grab gesunken, eine Wittwe und vier junge Kinder zurücklassend, ohne Vermögen, ohne Wittwengehalt, ohne Stütze; wie es ihnen die zehn Jahre ergangen, wie zu der wachsenden Armuth sich Siechthum der Mutter, dann dreijähriges Siechthum der Schwester gesellt. Freilich sprach er kein Wort von dem merkwürdigen Schauen der Schwester, und daß deren Ausspruch ihn heute hierhergeführt — denn er wollte das Geheimniß der Familie nicht einem Manne offenbaren, der es vielleicht nicht verstünde, und für Trug hielte — aber von seinen Planen und deren Hindernissen sprach er offenherzig. Der Greis hatte aufmerksam zugehört. Dann hob er nach einer Pause an: „Junger Mann, Alles, was Sie mir sagen, ist ganz hübsch. Glauben Sie an das Prophetenwort: „wohl dem Manne, den der Herr züchtigt in seiner Jugend," glauben Sie daran. Sie werden es einst bestätigt finden. Aber ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen: kommen Sie mit mir, Sie sollen der Erzieher meiner beiden Enkel werden, die mir mein Sohn hinterlassen hat. Es sind zwei herrliche Knaben von 12 und 10 Jahren. Sie sollen es gut bei mir haben, und ich setze Ihnen einen Gehalt aus, von dem Sie Ihre Familie unterstützen können. Ich glaube, daß dies besser ist, als daß Sie sich dem ungewissen Studium anvertrauen, das Sie wahrscheinlich nicht zu Ende führen können. Ihr Unternehmen ist mehr als gewagt,

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