Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 45 (1.11.1847)
- Date
- 1847-11-01
- Page
- Seite 669 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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669 Die Zeit war gekommen. Ein Vetter, der den Abraham in seinem Flügelkleidchen vorübergehen sah, hatte in einer guten Stunde dessen ein Mitleid, und ihm einen neuen Rock gemacht; die Eltern einiger Zöglinge hatten ihm wirklich noch einige Thaler vorgeschoffen, die ec mit der Mutter theilte, und mit deren einer Hälfte er sich auf den Weg machte. In der Nacht fuhr er einige Meilen mit der Post; um vier Uhr Morgens ergriff er den Wanderstab, und um zehn Uhr traf er in H. ein. Er kehrte in einem bescheidenen Wirthshäuschen ein, verzehrte nothgedrungen ein karges Frühstück, und reinigte seine Kleidung. Seine Baarschaft war damit zu Ende, aber was thut's? Es stand ihm ja Etwas bevor, denn die schlafende Schwester hatte es ihm gesagt. Sprach auch einen Augenblick der zweifelnde Verstand: du hast dich auf das Wort eines ohnmächtigen, kranken Mädchens zehn Meilen weit hierher begeben, wo du keine Menschenseele kennst? Aber schnell kräftigte ihn die Gewißheit seiner bisherigen Erfahrung, und das Wort Shakespeares: „Vieles giebt es unter der Sonne, von was Eurer Schulweisheit Nichts träumt." Er zählte die Minuten, die langsam schleichenden, an der Kuckuksuhr in der Wirthsstube. Er betäubte sein bang klopfendes Herz mit dem Gedanken: ich habe ja damit gethan, was meine Pflicht war, laß werden, was Gott will. Endlich hatte es drei Viertel geschlagen. Er ergriff die Mütze, ging langsam zum Hause hinaus, ließ sich draußen sagen, wo „der Löwe" sei, durchwanderte die Straßen, weilte hier und da noch ein Wenig, fand den Gasthof, und wie in der Stadt die Glocken den ersten Schlag zur eilften Stunde des Vormittags anschlugen, trat er in „den Löwen".... Er trat in die Gaststube, und — fand sie leer. Doch nein! In einer entfernten Ecke des Saales saß ein Greis in einem Lehnstuhle, und hatte ein Zeitungsblatt vor sich, in welchem er zu lesen schien. Hätte er Etwas darin gefunden, was ihn bewegte, oder war sein Geist von inneren Bewegungen abgezogen, und das Lesen nur eine mechanische Beschäftigung, um sich und Andere zu täuschen — oft sank das Blatt nieder, und sein Auge flog in die Höhe.... Abraham hatte sich still an ein Fenster gelehnt. Er wußte auch nicht im Geringsten, was er zu thun habe. Eine Viertelstunde ging so langsam dahin. Draußen rollten Karossen und Wagen vorüber, und der Lärmen einer großen Stadt rauschte in ununterbrochenem Flusse dahin; auf der Flur, auf den Treppen, den Höfen trieben sich Menschen herum; aber das große Gastzimmer blieb verödet, als ob Niemand die Ruhe stören wolle, und was darin vorgehe; der lesende Greis und der harrende Jüngling waren allein; Beiden schien das Herz zu klopfen, aber was war für ein Zusammenhang zwischen ihnen? Keiner.... Endlich schien sich der Greis aufzuraffen; er ließ das Blatt auf den Tisch fallen, erhob sich, und schaute um sich. Da er Niemand als den Jüngling erblickte, wandte er sich an diesen mit der Frage: „Mein Herr, wie viel ist es an der Zeit?" Abraham fühlte sich von dieser Frage sonderbar ergriffen, da diese Stunde ihm ja feierlich ans Herz gelegt war. Er antwortete daher ernst: „Es ist eilf Uhr vorüber." „So? Dann muß ich, sonst vergeht die Zeit," sprach der Greis zu sich selbst. Er ging einige Schritte; man sah ihm an, daß es ihm sauer wurde. Er ergriff die Klingelschnur, und läutete. Ein Kellner erschien. „Kann ich nicht einen Lohnbedienten haben, der mich einige Wege führen kann?" frug er. „Das thut mir leid," lautete die Antwort, „sie sind alle drei fort seit einigen Stunden mit Reisenden; und die Stadt ist wegen des Marktes heute so voll, daß wir einen Andern nicht bekommen können." „Das ist schlimm," sprach der Greis, „ich kann nicht allein gehen, denn ich bin erst seit Kurzem vom Krankenbett erstanden, und laufe Gefahr ohnmächtig zu werden, und doch muß ich gehen...." Der Kellner zuckte mit den Achseln. Abraham hatte, als ec dieses Gespräch gehört, einen kleinen Kampf in sich zu bestehen. Sollte er sich dem Greise zum Führer anbieten? Aber war er nicht hierher gesandt, um Etwas zu erharren? Konnte er nicht dadurch das versäumen, was er hier finden sollte? Aber worauf sollte er denn warten? Wer sollte denn hier hereintreten, und zu ihm sprechen: komm, ich erlöse Dich und will Deine Wünsche erfüllen? Lag nicht vielleicht gerade in dem kleinen Knoten, der sich hier für den Greis geschlungen, der Knoten seines eigenen Lebens? Er entschloß sich kurz: thue das Gute, was vor dir liegt. Schnell trat er an den Greis heran, und sprach: „Mein Herr, ich bin hier selbst unbekannt, aber als Stütze kann ich Ihnen dienen; ich habe in dieser Stunde nichts weiter zu thun, lassen Sie mich Ihr Begleiter sein." Der Greis blickte ihn durchdringend an. Mit diesem Blicke hatten sie sich als Glaubensgenossen erkannt. „Ich bin Ihnen für Ihr freundliches Anerbieten sehr dankbar, und nehme es an." Bald schritten der Greis und der Jüngling die Straße hinab. „Darf ich fragen, wohin Sie wollen?" frug 45*