Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 45 (1.11.1847)
- Date
- 1847-11-01
- Page
- Seite 671 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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671 ist hoffnungslos. Nehmen Sie meinen Vorschlag an, und da ich kein Freund vom Wechsel bin, so engagire ich Sie gleich auf 6 Jahre, bis wohin die Erziehung meiner Enkel vollendet sein wird." Diese Worte trafen unfern Jüngling fröhlich und schwer zugleich. Wie? war nun nicht alle Noch vorüber? Er, vor allem Mangel geschützt, in großem, behäbigem Hause, seine Familie unterstützt, daß sie aufathmen könne — — aber wo dann die Ausführung seines lang gehegten Planes, die Arzneikunde zu studiren, und seinen hoffnungsvollen Bruder zu erziehen und über seine Entwickelung zu wachen?-Der Greis schien einen Theil seiner Gedanken zu errathen, denn er fügte hinzu: „Wenn Ihr jüngerer Bruder gut geartet ist, so können Sie ihn mitbringen, und mit meinen Enkeln unterrichten. Etwas fremdes Element muß bei der häuslichen Erziehung von Knaben hereingezogen werden, damit die Leidenschaften des Menschenherzens gleich beim Erwachen sich zeigen und geregelt werden können... Wieder ein Bedenken schien gehoben. In der Brust des Jünglings arbeitete es. Er fühlte, er sei an einem Scheidepunkt seines Lebens angekommen. Aber in ihm erhob sich etwas Widersprechendes. Ec sollte seine Freiheit auf sechs Jahre verkaufen. Er, der bis jetzt seinen Weg als Selbstherrscher gegangen, nicht einmal von eines Vaters Mahnung geleitet, und den rechten Weg gefunden, er solle sich jetzt aufgeben, und auf das Fahrzeug eines Andern willenlos sich einschiffen? Und wenn nun die sechs Jahre vorüber waren? Zum Studium wäre es dann zu spät. Sollte er dann für immer den Pfad des Erziehers und Lehrers gehen, und zu welchem Ziele würde ihn dies führen? Und wenn er mit dem Greise sich nicht immer verstünde, so daß er das Haus plötzlich verlassen müsse? Oder wenn der Greis, der schwache, stürbe? Nein! antwortete es in ihm; gern brächtest du dich deiner Familie zum Opfer, wenn für die Zukunft damit Etwas gewonnen würde. Er kam mit sich aufs Reine. Offen sprach er dieses Alles gegen den Greis aus. Dieser widerstritt ihm Vieles, und drückte es sogar als innigen Wunsch aus, ihn mit sich führen zu können; aber Abraham blieb fest. „Ich habe es mir am Krankenbette meiner Schwester in heiligen Stunden gelobt, einst der Pfleger und Retter leidender Menschen zu werden, und mein Leben dahin zu lenken, Thränen und Seufzer duldender Mitmenschen zu stillen — und was man sich also feierlich gelobt, muß gehalten werden. Von diesem Streben und Wünschen beseelt, könnte ich so als Erzieher Ihrer Enkel nur halb wirken, und vielleicht oft unzufrieden mit meiner Stellung werden. Meine Familie fordert es übrigens gebieterisch, daß ich für deren Zukunft bestimmte Wege einschlage; einige Jahre der Ruhe können hierin Nichts helfen." Der Greis gab es auf. Abraham hatte wol im Hintergründe gehofft, daß er ihm dann einige Unterstützung zum Studium versprechen würde. Allein er verlor hierüber kein Wort. Er zeichnete sich nur, wie er sagte, zur Erinnerung, Namen und Wohnort der Familie auf. Am andern Morgen wanderte Abraham zu Fuß nach der Heimath. Es war ein mühseliger Tag, da zu den. Beschwerden des Fußreisens an einem regnerischen und windigen Tage der Hunger sich gesellte, da er nur so viel übrig behalten, um sich ein kleines Brod für den ganzen Tag zu kaufen. Der Greis fuhr an demselben Tage in weichgepolsterter Karosse nach seinem Wohnort. Was war also der Erfolg der Reise gewesen? Ec brachte seiner harrenden Familie Nichts mit, als die Erzählung eines Begegnisses, das ohne Folgen schien. Hatte er das Rechte versäumt, da er den Greis begleitete? Niemand konnte ihm das sagen, da der Schlaf seit vier Wochen von seiner Schwester gewichen. Aber das konnte er sich selbst sagen, daß er Recht gethan, und einen guten Kampf gekämpft, da er lockende Aussichten an ein Ziel des Lebens gesetzt hatte.... Als der Greis in seinem Wagen saß, sprach er zu sich selbst: „Man muß die Jugend ihren schweren Gang gehen lassen; allzuleicht erlangte Unterstützung führt ab, und macht leichtsinnig. Ich habe es erlebt...." (Fortsetzung folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen iViNgr. (1 gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum sowie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlung. Bitte an Menschenfreunde! Am 13. September d. I. verschied der wegen seiner aufopfernden Menschenliebe, ohne Unterschied des Glaubens, allgemein geachtete, und wegen seiner Gottesfurcht und Gelehrsamkeit bei seinen Glaubensgenossen hochverehrte Isaak Löw Wormser, Rabbiner in Michelstadt. Durch seinen Tod ist seine unglückliche Witlwe mit ihren drei unversorgten Kindern der drückendsten Armuth preis-