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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-11-01 · Heft 45 (1.11.1847) · p. Seite 668

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 45 (1.11.1847)
Date
1847-11-01
Page
Seite 668 (sequence 8)
Language
German
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668 Heroismus. Ec barg es still in seinen Busen, und vertrauere es Niemandem an; denn fürwahr! man hätte ihn ausgelacht. Aber bange war es ihm doch. Er mußte seine Schiffe verbrennen, nämlich seine Stunden aufgeben; er mußte unter fremde Menschen treten, und das war ihm eine saure Aufgabe; er mußte die Hilfe Anderer suchen, und das schien ihm eine Unmöglichkeit. . .. Aber wenn die ringende, die von Tag zu Tag ringende Armuth etwas Gutes hat, so ist's dies: daß sie den Menschen für die Zukunft ein blindes Vertrauen einflößt. Sie gewöhnt sich nur in die nächsten Tage und in die weite Ferne zu blicken. Diese sucht sie sich auszubauen, für sie zu schaffen und vorzubereiten, und mit jenen, weiß sie, wird sie schon fertig, so oder so. Im Aeußersten versteht man ein Bischen zu hungern und den Gürtel um den knurrenden Magen enger zu schnüren. Und dann rechnete er auf die Freunde seines verstorbenen Vaters. Zunächst auf den ältesten und bewährtesten Freund, den droben in der Höhe, der gepriesen sei für und für, den Vater der Wittwen und Waisen. Dann auf einige Wenige hienieden. Jetzt, wo man ihnen ein würdiges Streben und ein erreichbares Ziel zeigen konnte, jetzt, glaubte er, würden einige Edle sich der Hilfsleistung nicht entziehen. Glaube nur, Jüngling! Eine Jüngling ohne Glauben an die Menschen, ist ein Holz ohne Mark und Rinde, niemals wird es ein wärmendes und erleuchtendes Feuer zu zünden vermögen. Glaubt man an Viele, so werden Einige sich bewähren. Glaubt man an Wenige, findet sich fast Keiner. Vor Allem aber stärkte ihn die Ueberzeugung, daß er studiren müsse. Vor einem „Muß" hat der Arme großen, den größten Resoekt. Der Reiche glaubt an kein „Muß", denn er hat ein Mittel in seinen Händen, womit er tausend „Muffe" beseitigt. Aber der Arme sieht es gern, wenn er ein unausweichbares „Muß" vor sich hat, denn dann quält ihn beim Mangel an Mitteln nicht noch der Reichthum an Wahl. Abraham sah aber ein, daß ihm weiter Nichts übrig bleibe; schachern könne er nicht, das Unterrichten entfernte den Mangel nicht, die Familie sank immer tiefer, was sollte daraus werden? Galt es unterzugehen, so wollte er den Versuch Vereinstiger Rettung um so weniger aufgeben, als seines Geistes ganzes Streben damit übereinstimmte. Die Aussagen der schlafenden Schwester hatten sich die ganze Zeit, wo dieser eigenthümliche Zustand schon gedauert, immer bewahrheitet. Sie hatte mehre Male Dinge vorausgesagt, die nicht aus Kombination hervorgegangen sein konnten, und sie waren aufs Pünktlichste eingetroffen. Konnten die Mitglieder unsrer Familie sich dies auch gar nicht erklären, so galt doch die Thatsache, und sie hatten sich daher schon an eine genaue Befolgung ihrer Vorschriften gewöhnt. Unter dem Einflüsse dieser merkwürdigen Erscheinung waren ihre Gemüther gehoben, und von einem höhern Leben durchweht. Der Eindruck solcher übergewöhnlichen Offenbarungen mußte sie auch für übergewöhnliche Entschlüsse öffnen. Abraham beschloß daher, da ihm die Schwester aufgegeben, in sechs Wochen nach H. zu reisen, und um eilf Uhr in den Gasthof zum Löwen einzutreten, der Mutter seine Pläne mitzutheilen. Er kannte das Herz der Mutter. Nur den ersten Augenblick würde sie vor dem großen Werke zurückschrecken, dann es aber mit aller Kraft ergreifen, welche der Instinkt des Mutterherzens giebt, wo es die Rettung der Kinder gilt. Leise begann er, deutete ec an, unterwarf ihre Verhältnisse einer ruhigen Würdigung, schloß, daß es anders werden müsse, und trat dann keck mit seinem Plane vor. Er wollte Ostern nach L. auf die Universität gehen, und ein halbes Jahr darauf Jakob zum Gymnasium dahin holen. Die Mutter müsse mit der Schwester, die bis dahin mit Gott genesen sei, und dem „Kleinen" allein bleiben, bis er sein Studium vollendet. Dann würde eine neue Zeit für sie anbrechen, und schnell an die Stelle der Armuth die Erlösung der Wohlhabenheit und Fülle treten. Hier die dunkelsten Farben des Elends, dort die reichen, lichten Tinten der Rettung — mitten inne freilich! noch ein weiter Platz des Kampfes, und eines größern, als bis jetzt ducchrungen werden mußte. Nein! die Mutter schwankte nicht. Sie erhob ihr thränendes Auge und ihre zitternden Hände nach oben, und sprach: „Der wird helfen, Du kannst nicht anders, mein Sohn. Und ich .... nun, ich werde auch durchkomen. Mögen die Tage noch dunkler werden für mich, wenn ihr nur, ihr, meine Kinder, einem Morgenroth entgegen gehet. Was sollet ihr mit mir darben? Hier kann Nichts daraus werden...." Sie schwiegen; in Beider Herzen lebte eine Minute des Gebetes, aus der sie hervorgingen, wie geweiht und gesegnet für das schwere Werk und die bevorstehende Trennung.... Mein Freund, mein Leser, o wolle nur Etwas im Leben, nur Etwas wolle, aber ganz, und mit ganzer Kraft ... dann bist Du glücklich und lebst beseligte Stunden. Fürwahr, das größte Unglück des Menschen ist: wenn ec nichts mehr will im Leben, nichts mehr wollen kann....

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