Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1847)
- Date
- 1847-10-25
- Page
- Seite 657 (sequence 9)
- Language
- German
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657 Als Hirsch vor zehn, zwölf Jahren mit der Absicht auftrak, alle rabbinischen Gebräuche und Mißbräuche durch symbolisirende Deuteleien zu verherrlichen, ist ihm von reformistischer Seite die Kritik entgegen getreten; die Orthodoxie ließen seine Versuche kalt, und ich kann Sie aus unmittelbarer Erfahrung versichern, daß Einer unserer angesehensten Rabbinen, nachdem man ihm einige Stellen aus dem „Chaurew" vorgelesen, in vollem Ernste erklärte, es sei das Lesen dieses Buches eine eben so sträfliche Unterbrechung des Gesetzesstudiums (min biu2) wie jede andere Lektüre. Dadurch aber, daß die orthodoxe Schule Hirsch's Schriften ganz und gar ignorirte, entging diesen die ihnen zunächst gebührende Kritik: die Kritik von rabbinisch-rechtgläubigem Standpunkte. Meine Absicht kann es nun freichlich nicht sein, Sie mit der Analyse und Kritik eines bereits veralteten Buches zu behelligen; aber Einiges muß ich berühren, weil cs in keinem geringen Maße geeignet ist die Jnkompatibitität des talmudischen Systems mit europäischer Bildung in ein klares Licht zu stellen. Lesen Sie nämlich den „Ehaurew" mit orthodoxen Augen, so werden Sie leicht entdecken, daß die Grundansicht des Buches, es müsse das Gesetz einzig und allein aus blindem Gehorsam geübt werden, mit der Orthodoxie nur zum Theil übereinstimme. Die jüdische Orthodoxie fühlt es recht gut, daß der Hinblick auf den Buchstaben des Gesetzes allein noch bei Weitem nicht hinreicht, die Zweifel niederzuschlagen, den Willen zu bestimmen, dem Drange des Lebens Widerstand zu leisten. Darum sehen wir die eigentliche und entschiedene Orthodoxie zu der Kabbala ihre Zuflucht nehmen, um durch die Verheißungen und Drohungen dieser auf die Gemüther zu wirken. „Wäre es" — sagt der grundorthodore Gabriel Kohn, Rabbiner zu Rechnitz, in seinem Werke En-Israel*) — „dem Heiligen, gelobt sei er, nur darum zu thun „gewesen, daß wir seinen Willen gehorsam erfüllen „sollen, er hätte uns nur geboten, täglich eine Meile „Weges zu Fuß zu gehen; aber dadurch wäre der „Rapport zwischen der hohem und der sublunearischen „Welt nicht vermittelt worden, was nur durch die mas? msa :p"“in ri'a vwn i:b fiiso tia b» (* ■ins nab ,i«iia ba> irbv bspb ■na onaa 'N ,ri"bi nr' baa sinn “b-1 dx -H rrn ,ib« mxaa stpn btnc y1») •— "121 8112N 1122b rbana mo (.«"2 bp rp ■’S® pbn „Ausübung der verschiedenen Zeremonieen geschehen „kann. Bon diesen ist aber nicht nur die Existenz „Israels, sondern die Existenz des Weltalls bedingt." Daß Hirsch seinen Jünglingen und Jungfrauen nicht einprägte, die „Tauw" habe ihre Geheimnisse, und die „Mißwaus" haben ihre unsichtbaren kosmischen Einflüsse, war schon eine bedeutende Konzession, die der Verfasser nicht nur der Zeitbildung, sondern der rationalistischen Zeitrichtung brachte. Allein abgesehen von dieser Konzession, — die derjenige nicht für unbedeutend halten kann, welcher den Einfluß des Glaubens an die niin ■’ino (Mysterien der Tora) auf die Erhaltung der talmudischen Halacha aus Studium und Erfahrung kennet, — kann es ja dem orthodoxen aufmerksamen Blicke unmöglich entgehen, daß ein direkter und bewußter Widerspruch gegen Talmud und Kasuisten an vielen Stellen des Chaurew deutlich genug ausgeprägt ist. Gestatten Sie mir nur Einiges beispielsweise anzuführen. Warum unterlaßt es der Chaurew (233), das wiederholte Schoserblasen mit dem talmudischen Grunde zu motiviren, daß dadurch der Satan außer Fassung gebracht werden solle (R. Haschana 16, li)? Ist dieser Grund nicht in der „Gemara" angegeben; haben ihn die Poskim nicht adoptirt (Tur 585)? Stimmt damit nicht auch der jerusalemische Talmud überein, dessen Aeußerung die rationalistische Erklärung Nissims zu Schanden macht (das.)? — Lächeln Sie über diese Frage nicht. Das — wiewol indirekte — Leugnen des Satans und der Dämonen, das an vielen Stellen des Ch. nachzuweisen ist, ist nicht nur an und für sich, sondern auch deshalb bedenklich, weil ja dadurch der prinzipielle Widerspruch gegen Talmud und Rabbinen gutgeheißen und sankrionirt wird. Wird einmal der gefährliche Grundsatz zugegeben, daß wir die Vorurtheile und den Aberglauben unserer „Chachomim" ohne Bedenken bei Seite schieben dürfen; wer soll dann über das Mehr und Weniger entscheiden? Welchen ausgedehnten Gebrauch Herr Hirsch von diesem Grundsätze macht, zeigt seine rationalistische Auffassung des „Gerichtstages" Opiii ar), wodurch die aus der Mischna datirende Bedeutung des Neujahrstages weggedeutelt wird (229), um später (§. 656) nur leise und nicht ohne Zwciveuligkeir berührt zu werden. Wie nun Hirsch dem Nosch-Haschana seinen Nimbus nimmt, so läßt er auch den Versöhnungstag nicht 44*