Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1847)
- Date
- 1847-10-25
- Page
- Seite 654 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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654 Fackelchcn um Mitternacht? Muß man ausgehen auf Heerstraßen und Kreuzwege, aus verborgene Fußpfade durch Dickicht und Sumpf, um es wieder heraufzubeschwörcn?-So muß man sich fragen, wenn man die neuesten Kundthuungcn in der Reformgenoffcnschaft wahrnimmt. Man versammelt „Reformfreunde", man will in dieser Versammlung die „Prinzipien" diskutircn, die Prinzipien der Reform, die aber nichts anders als auf die Prinzipien des Judenthums zurückgehen, man schreibt hierzu „Prinzipienentwürfe", die in der Versammlung diskutirt und angenommen oder verworfen werden sollen; diese Prinzipienentwürfe sind verschieden, Stern schreibt einen, Reben stein schreibt einen andern; der Stern'sche scheint schon von der Kommission verworfen, denn der Rebenstein'sche soll vorgelegt werden; Stern ist damit zufrieden, denn was liegt ihm daran, ob so oder so, wenn man nur mit der Majorität fortschwimmt. Es wird also eine theologische Disputation stattsinden, und zuletzt wird es auf die Zahl von so und so viel Anwesenden ankommen, ob dies oder jenes gelten soll. Dies heißt „Religion machen" in der jetzigen Zeit. Man verwirft zwar eine Religion der herrschenden Kirche, macht aber selbst eine Religion der Majorität, der man sich unterzieht, als wenn 2 bis 300 entscheiden könnten durch „Stimmenmehrheit", was Millionen angeht. — Und doch kann die Reformgcnossenschaft nicht anders. Sie ist hierzu gedrängt. Zuerst in der Stellung, die sie sich selbst gegeben, indem sie, trotz aller schönen Worte, sich außerhalb des Judenthums fühlt, und doch eine Brücke zu diesem haben muß. Sie sagt, sie stelle sich voran, und wolle der Masse den Weg anbahncn. Das heißt aber nichts anders: man befindet sich außerhalb derselben, und frägt sich, wie kommt man zu ihr? oder: wie ist doch eine Verbindung mit derselben möglich? Zweitens in den vorliegenden Verhältnissen: die Reformgenossenschaft ist nicht eine Reform des Judenthums, sie ist eine Reform des Nihilismus zum Judenthum. Was ist es, was man ihr, was sie sich selbst als ihr größtes Verdienst nachsagt? Daß sie in vielen Individuen, die dem Judenthume abgestorben, irgend eine Theilnahme für dasselbe wieder geweckt habe. Das heißt nichis anders: sie versucht aus Nihilisten wieder Juden zu machen, wenigstens Solche, die auf das Judenthum wieder einmal einen Blick zu werfen würdigen. Dies macht daher den Charakter der Reformgenossenschaft aus. Sie stellt sich auf den Boden des Nihilismus, und sucht ein Judenthum; natürlich nur ein Judenthum, das dem Nihilismus allenfalls zusagt, das dieser sich gefallen läßt. Freilich fürchten Einige: bei diesem Prozeß könnte am Ende das Judenthum Nihilismus werden, und dieses den Sieg über jenes erlangen. Allein wer wird fürchten. Nur muß die Genossenschaft nicht mehr sagen, sie stelle sich der jüdischen Masse voran, um die Wege anzubahnen. Sondern umgekehrt: sie stellt sich den Nihilisten voran, und sucht ihnen den Weg zum Judenthume zu bahnen. Sie will eine Transaktion zwischen Nihilismus und Judenthum zu Stande bringen. Aber es ist ein Schlimmes um jede Transaktion. Dies «ine ira el studio, aber man muß sich doch einmal klar werden über seine eigene Erscheinung und deren Bedeutung. Dies geht denn auch hinlänglich aus dem „Prinzipiencntwurf" von Rebenstein hervor. Welche unendliche Mühe, um dem Nihilismus nur irgend Etwas abzuringen, was nach Judenthum schmeckt; und hinwiederum wieder sofortige Selbstvernichtung eben desselben, wenn es dem Nihilismus gefallen sollte, es doch nicht zuzugestehen! Und dann wieder: welches Schwanken in den Prinzipien selbst, welche gesuchte Anknüpfung an's Ende des Nihilismus und an's Ende des Judenthums, um die beiden Enden zu nähern! Sehen wir z. B. zu. Der Sabbat: eine Verlegung soll zugegeben werden, „wenn die Nothwendigkeit hierzu sich dringend in mindestens dem größer» Theil der deutschen Judenheit darthun sollte" (S. 16). Die Beschneidung: „das Gesetz der Beschneidung soll so lange unter uns (d. h. den Genossenfortbestehen, so lange die Bedeutung derselben, als ein Zeichen des Bundes, in unseren Glaubensbrüdern (v. h. den Juden) noch thatkräftig genug lebt, um Jeden der dies Gesetz unvollzogcn läßt, als aus dem Bunde des Judenthums getreten zu erklären. Wir inveffen," sagt Herr Rebenstein im Namen der Genossen, „halten uns zu der Aussprache verpflichtet, daß wir, für uns (d. h. die Genossen) der Beschneidung solche Bedeutung nicht geben, noch können wir in ihrer Unterlassung stillschweigend einen Austritt aus dem Judenthum annehmen." Nun, wenn das nicht gezerrt und gezogen ist, so weiß man's nicht. Die Genossen brauchen die Bcschneidung nicht, aber die Juden wollen sie noch, und darum sollen sie die Ge-