Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1847)
- Date
- 1847-10-25
- Page
- Seite 652 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225497-3225542--08939-3239781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
652 Israels zurück. Denn welch' ist diese? Sie lehrt einen überweltlichen, geistigen, einigen Gott, der die Welt geschaffen, und den Menschen in seinem Ebenbilde gebildet, so daß der Mensch sich ihm immer mehr verähnlichen, sich vergöttlichen soll. Sie lehrt, daß in dieser Gottähnlichkeit alle Menschen Brüder sind, also als Brüder sich wie sich selbst lieben sollen, daß alle Menschen gleich an Recht und bei persönlichem Besitz doch auch möglichst gleich an diesem sein sollen, darum Alle frei, selbstständig. Dies ist die Lehre Israels. So erhob sie sich gegen das Heidenthum, welches die Welt selbst für Gott, die Natur für Gott selbst, jegliche Kraft in der Natur für Gott, darum auch das Ich des Menschen für Gott hält, welches darum jeglichen Menschen auf sich selbst isolirt. Jedem frei giebt, wohin sein Arm, seine Kraft reicht, daß er sich zum Herrn des Andern macht, wenn er vermag, daß er sich der Güter der Erde bemächtigt, so viel er nur kann, und seinen Bruder neben sich unfrei und besitzlos macht. — Wollet Ihr also endlich einmal diesen Streit zu Ende bringen, wollet Ihr zur Ruhe kommen, so gehet dahin, wo der Streit begann, wo er sich in seiner Ursprünglichkeit zeiget, zur ursprünglichen Lehre Israels. Aber man spricht: zu solch' entlegener Zeit sollen wir gehen? in solch'hohes Alterthum? wir sollen zurückgehen? Sind wir nicht selbst mächtig? Können wir nicht selbst schaffen? Dies ist der Jrrthum, dies ist der Stolz, der sich selbst seine Stütze bricht. Nein! der Mensch ist nicht von heute, sondern von gestern und dieses Heute kann sich nicht losreißen vom Gestern; dieses Heute hat kein Verstandniß ohne das Gestern. Der Menschheit sind ihre Aufgaben und ihre Grenzen von Uranfang gegeben; und wie nun der Mensch zu aller Zeit sie immer wieder durcharbeitet und umformt und erweitert, es sind immer dieselben Aufgaben und dieselben Grenzen, die Geschlecht nach Geschlecht vor und um sich hat. Darum ist überall ein Uranfängliches, eine Offenbarung vorhanden, die im grausten Alterthume gegeben worden; und jegliche neue Zeit muß wieder zu diesem Ursprünglichen, zu dieser reinen Offenbarung zurückkehren, um sie vom Gerölle früherer Zeiten zu reinigen, und sie für sich wieder befähigt, belebt, lebendig zu machen. Ihr fraget nach Gott? Wann frug man nicht danach? nach der Welt, nach dem Menschen, nach Versöhnung, nach Unsterblichkeit, nach Freiheit und Liebe und Ruhe? Diese Fragen, Eurer Urväter Urahnen bewegten diese schon. Also nicht die Zusätze späterer Zeiten, nicht das Gemisch und Gebraue späterer Geschlechter: sondern das Ursprüngliche, das Uranfangliche, die Offenbarung der Urzeit, die mit der Lehre Israels in die Menschheit gekommen! Meine israelitischen Brüder und Schwestern! Auch in das Gebiet Israels sind die Wellen des Streites geschlagen. Und dies war zu vielen Zeiten. Solchen Streit hatten die Propheten zu kämpfen. Solcher Streit war zwischen Sadduzäern und Pharisäern. Solcher zwischen Beth Schammai und Beth Hillel. Solcher zwischen Maimonides und den Rabbinen Frankreichs. Solcher zwischen Mendelssohn und den Rabbinen des Ostens. Aber was diesen Streit in Israel scharf bezeichnet, das ist, daß er stets nur die Formen der Religion betraf, daß er niemals den Kern, die eigentliche Lehre Israels berührte. Wo die Bekenner des Judenthums auch uneinig waren und sind, in ihrem Bekenntniß, in der ursprünglichen Lehre waren sie stets einig, stets dieselbigen. Dies laffet uns wohl betrachten. Darum soll die Lust, zu schweifen gen Morgen und Mitternacht, uns nicht ergreifen und verlocken. Wie gestanden unsere Vater seit vier Jahrtausenden, fest und sicher in der Lehre des einigen Gottes, so wollen auch wir darin stehen. Auch in uns soll Hunger und Durst nach dem Worte Gottes vorhanden sein, aber nicht es suchen, wo es nicht zu finden, sondern woselbst es für uns fließet ununterbrochen und rein. Dies ist die Ruhe, die der Herr Israel verliehen. Und darum sprechen wir weiter mit Schelomo, als er das Volk entließ von der Weihe des Tempels (V. 57. 60.): „Der Ewige unser Gott sei mit uns, so wie er mit unseren Vätern gewesen, er wird uns nicht verlassen und nicht von uns weichen — auf daß alle Völker der Erde erkennen, daß der Ewige Gott ist, Keiner mehr." Amen. Zeitungsnachrichten. Großbritanieu. London, 10. Oktober. (Privatmitth.) Je näher die Zeit kommt, wo die Parlamente eröffnet werden, wo es sich also um den wirklichen Eintritt des von der City in das Unterhaus gewählten Juden handelt desto größer wird der Sturm, der sich dagegen er-