Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1847)
- Date
- 1847-10-25
- Page
- Seite 651 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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651 Natur des Menschen gelegt, daß Zweifel und Gewißheit nebeneinander bestehen, und daß jener immer wieder hervorkommet, sobald diese einen Sitz eingenommen zu haben scheinet. Und wer vermöchte nun, wenn dieser Kampf des Zweifels und der Ueberzeugung in ihm erwacht ist, diesem gebieten und seinem Geiste zuzurusen.- steh still! Und wer vermöchte in Anderen durch Machtspruch und Gewalt diesen Kampf zu unterdrücken und ihnen zuzurufen: stehet still, wo ich Euch haben will! Za selbst, wo durch äußere Mittel die Heuchelei eine Zeit lang aufrecht erhalten worden, im Innern wühlet es um so mehr, und die dünne Rinde der Oberfläche wird um so schrecklicher zusammenbrechen. Fürwahr, der Hunger und Durst nach dem Worte Gottes ist nicht sündhaft, ist nicht Verbrechen, sondern eine Nothwendigkeit, der der Mensch sich nicht entziehen kann, ist eine Lugend, der er sich nicht entziehen soll, aber auch unbezwingbar. Und zweitens: soll denn die Menschheit nicht einmal aus allem Aber- und Asterglauben herauskommen? nicht einmal zur klaren, unverhüllten Anbetung des wahrhaftigen Gottes gelangen? und wenn tausendfache Kampfe und Irrungen damit verbunden sind, wenn ein Schritt zur Wahrheit erst durch weite Pfade der Täuschungen erreicht wird, muß und soll es denn doch nicht geschehen? Wenn es wahr werden soll, was die Propheten verkünden, daß einst alle Erdenkinder dm einigen Gott anbeten werden, wenn es wahr werden soll, was wir an unseren höchsten Festen erflehen: „laß alle Menschensöhne einen Bund schließen, Dich zu erkennen und Deinen Willen zu vollsühren" — — wie kann es denn anders geschehen, als daß aller Orten die Geister die Binde zu lüften streben von ihren Augen, selbst sehen, selbst suchen wollen, und wenn sie oabei auch nach Morgen und Mitternacht ziehen, von Meer zu Meer schweifen, suchen und vorerst noch nicht finden? Also gehet die Dämmerung dem Morgen und Tage voran; also bringt die schwere Wolke erst Sturm und Verdunkelung, ehe sie sich des reichen Segens entladet. Ist dem Menschen nicht Kampfesdienst auf Erden? (Hiob 7, 1.) und nur durch diesen erhebt und läutert ec sich, und nur was er durch diesen erlangt, ist seiner würdig! H. Wir sprechen ferner: wenn man Etwas suchet, und es nicht findet, so sucht man es da, wo es nicht zu finden, denn wenn man es suchte, wo es zu finden, so suchte man nicht, sondern man fände es. Die Menschheit suchet nach dem rechten Worte von Gott, und findet es nicht, trotz großem Hunger und Durst, so sucht sie es, wo sie es nicht findet, und wo sie es fände, oder dereinst finden wird, da sucht sie es nicht. Hat denn der Prophet etwa gemeint, das Wort Gottes wäre gar nicht zu finden? Sicherlich nicht, denn er selbst kündet sich ja als einen Träger dieses Wortes. Und so man ihn gefragt hätte, wo ist cs zu finden? So hätte er geantwortet: in der reinen, ursprünglichen Lehre Israels. Und so wir nun die Rede des Propheten übernehmen, und so wir sprechen: Kommet zu uns, die ihr aus der Unruhe wollet, Dürstende nach dem rechten Worte von Gott, gehet nicht verächtlich vorüber an dem Quell Israels, sondern schöpfet daraus Waffer des Heiles; das rechte Wort von Gott, wir haben es, wir bewahren es seit vier Jahrtausenden — man würde uns sagen: beweiset es uns! Lasset uns Nachsehen. Zuerst: wenn man an einem trüben, unklaren Wasser steht, so muß man dahin gehen, von wo es gekommen, bis zu der Quelle, die aus der Felsenspalte rieselt; nur da wird man cs silberhell, in seiner reinen, natürlichen Beschaffenheit finden. Was nützt es, das trübe Wasser zu schöpfen und zu seihen und zu zersetzen; es bleibet dann immer unschmackhaft und unklar undunnatürlich. Dahin gehet, wo noch keine Trübung hinein gekommen war, wo es aus der Hand des Schöpfers klar und rein sich ergießet. Also: was hilft es, die Lehren der Kirchen zu zersetzen und auszulöfen und umzugestalten, gehet zurück, vom Arme zum Mutterstrome, vom Strome zur Quelle, und dies ist nichts anders, als die reine und ursprüngliche Lehre Israels. Aus dieser sind sie nach langer Strömung gekommen, mit sich reißend von jeglichem Boden, durch den sie flössen, einen Theil, vom Prophetcnthume, vom Talmud, vom Heidenthume, vom Mittelalter. Diese reine, ungetrübte Lehre Israels stellet euch auf, und ihr seid gleich am ursprünglichen Wesen. Zweitens: wenn man sich um Etwas streitet, so muß man vor Allem fragen, von wannen ist der Gegenstand des Streites gekommen? Nun, der Streit ist nicht neu, der Kampf, den ihr kämpfet, er rühret aus alter Zeit her, es ist doch nur der Streit, den Moses kämpfte wider Egypten und Kanaan, der Streit des Sinai mit dem goldenen Kalbe. Dieser Streit wurde gestritten zuerst im Schooße Israels, dann im Schooße des Christenthums, im Schooße der Reformation, und im Streite unserer Tage. Es ist der Kampf der reinen, ursprünglichen Lehre Israels mit dem Egoismus des Heidenthums, wie er zuerst bis heute fortlebte. Also auch darum zur Lehre