Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-10-25 · Heft 44 (25.10.1847) · p. Seite 650

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 44 (25.10.1847)
Date
1847-10-25
Page
Seite 650 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225542--08937-3239779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

650 33rob, nicht Drust nach Waffer, sondern zu hören des Ewigen Worte. Da ziehen sie von Meer zu Meer, von Mitternacht bis Morgen hin, sie schweifen umher des Ewigen Wort zu suchen, und finden es nicht." I. Zuerst: was ich habe, das suche ich nicht; wenigstens was ich zu haben glaube. Aber ich suche nur, was ich nicht habe, oder was ich verloren habe. Und zweitens: ich suche nur, wonach ich verlange, wonach ich hungere und dürste; was mir gleichgiltig ist, was ich entbehren zu können glaube, danach suche ich nicht, danach gehe ich nicht aus. Und nun, geliebte Zuhörer, so wir unsere Blicke in die jetzige Welt, so wir das Auge ringsherum werfen: gewahren wir nicht unter den Menschen ein gewaltiges Suchen nach dem Worte Gottes, wenigstens nach einem rechten Worte von Gott? Ist nicht der Spruch des Propheten in Erfüllung gegangen, daß ein großer Hunger und Durst über die Menschheit kommen werde, nicht nach Brod und Wasser, sondern nach Wahrheit und Ueberzeugung, nach sichrer Erkenntniß und in dieser begründetem Frieden des Geistes? In allen Religionen, in allen Glaubenspacteien, die bis jetzt bestanden, haben sie verloren, was sie bis jetzt zu haben glaubten, Sicherheit, Festigkeit, Ruhe. O, es war eine Zeit, wo die Menschen in dem, was ihnen die Kirche, zu der sie gehörten, lehrte, die Ruhe des Geistes fanden, wo sie glaubten, was ihnen gelehrt ward, und darauf beharrten. Aber diese Zeit ist vorüber; zuerst standen Einige auf, dann Viele, jetzt ist es die Mehrheit der Menschen, die da sagen: was ihr lehret, ist nicht wahr, denn meine Vernunft widerstreitet dagegen; meine Vernunft untersucht und prüft es, und findet keine Uebereinstimmung damit. Und diese Vernunft hat uns auch Gott gegeben, diese Vernunft will ihre Befriedigung. Dies ist die erste Unruhe. Aber jene, welche das Alte, bisher Gegoltene festhalten wollen, wollen zugleich nicht weichen aus den! alten Verschanzungen, wollen nicht Raum geben der! drängenden Freiheit der Bewegung, und sprechen: weichet! ihr von hinnen, wir behalten unsre alte Veste! und nun wenden sie Gewalt und Machtspruch und Kränkung und jegliche Waffe an, um die Prüfenden und Forschenden zurückzuschrecken. Die zweite Unruhe. Ader auch damit nicht genug. Denn die, welchen das Alte nicht genügen! kann, welche es verwerfen und von sich weisen, sie! muffen doch ein Anderes an die Stelle setzen. Mit einem! Nichts beruhigt sich die Seele nicht; mit bloßem Nein! ist noch wenig gethan; tief im menschlichen Geiste lebet das Verlangen nach fester und sichrer Ueberzeugung; es ist ein Hunger und Durst nach etwas Bestimmten, woran er sich halte, und das Schwanken und Schweben wird ihm bald unleidleich. Und sehet, auch da ist das Wort des Propheten in Erfüllung gegangen: „sie ziehen von Meer zu Meer, von Mitternacht bis Morgen hin; sie schweifen umher, das Wort zu suchen." Oder ist Einer unter den jetzigen Menschen schon aufgestanden, der da sprechen könnte: hier ist es! hier schaaret euch, dies ist die Wahrheit, so und so lautet sie? Ja, so lange sie zu kämpfen haben wider die Gewaltigen, die sie zurückhalten wollen, wider die Mächtigen, die ihnen die Thore ihrer Zwingburg nicht öffnen wollen, so lange schaaren sie sich, und halten zusammen — aber sobald dies vorbei, sobald nun die Frage kommt, was gilt denn? Da zerstreuen sie sich über die Erde, da wendet sich der Eine gen Mitternacht, der Andere gen Morgen, sie schweifen umher, sie sind auseinander. Siehe, der Eine wendet sich gen Morgen, er sagt: ich will die alte Lehre bewahren, aber von ihren Zusätzen befreien, sie ist verstümmelt, verkleidet; oder: ich lege sie ganz anders aus, es ist damit ganz Anderes gemeint, sie ist verkannt, nicht begriffen, so und so ist sie zu verstehen, so und so versteh' ich sie. Der Andere wendet sich gen Mitternacht, und sagt: Alles ist falsch, Alles, was die Religion lehrt, ist Jrrthum, die Natur ist Gott, die Welt, wie sie ist, ist Gott und ich ein Theil derselben; oder: auch die Welt ist Nichts, nur ich bin, und also ich Gott, mein Ich schasst die Welt, die sonst nicht ist, und dieses Ich ist mein Grund und Boden; oder endlich: auch das Ich ist nicht, das Ich ist nur eine Beschaffenheit des Körpers, die mit diesem wird und vergeht; Alles ist nur aus Atomen zusammengesetzt und geworden, und löset sich wieder in diese auf. Und so ist auch das dritte Wort des Propheten erfüllt: £7^ abi iapnb sie schweifen umher, es zu suchen, und finden es nicht; und Niemand kann sagen: Heil uns, wir haben Ruhe gefunden! Aber wenn, m. Fr., dies das wahrhaftige Bild der ganzen jetzigen Menschheit ist, so fragen wir uns: ist es recht, daß diese Unruhe in die Welt gekommen, hat sie ein Recht, die Geister der Menschheit zu bewegen und aufzuwiegeln? Und wir müssen diese Frage vollständig bejahen, und zwar aus zwiefachem Grunde. Zuerst: der Mensch ist nicht geschaffen zu blindem Glauben; er ist zur Freiheit berufen; er soll sich selbstständig und durch eigene Kraft die Ueberzeugung erringen und nur eine solche hat einen wahrhaften Werth; es ist in die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.