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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-10-11 · Heft 42 (11.10.1847) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 42 (11.10.1847)
Date
1847-10-11
Page
Seite 630 (sequence 10)
Language
German
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630 Fünf Minuten vor neun — die alte silberne Uhr lag auf dem Tischchen am Kopfende des Bettes — begann die Kranke von Neuem laut und klangvoll vor sich hin zu reden. „Soll ich immer noch ringen um die wenigen Tage des Erdenlebens? Vater, das Herz ist nicht blos siech im Aeußern, auch innen ist es müde und matt. Meine jungen Jahre sind dahingegangen in Schmerz und Kampf. Wenige Blumen blüheten an meinem bescheidenen Pfade, und wenn ich mich bückte, sie zu pflücken, waren sie welk geworden vor dem heißen Hauche der Fieberglut.... Es ist etwas Fremdes in mir und Etwas, was ich bin; jenes will mich hinunterziehen auf die Erde, da zu bleiben, ach, bei meiner theuern Mutter und bei meinen Brüdern; aber dieses will hinauf, und die Sehnsucht sagt mir: was Du auf Erden verlassest, behältst Du, es geht Dir nimmer verloren, aber was Du droben gewinnest, das ist ewiger Preis ... und das Fremde in mir, was doch wieder auch das Meine ist, nur nicht Ich selbst, ist noch sehr stark, und will nicht weichen.... O, so kämpft es in mir, und läßt mich nicht zur Ruhe kommen ... und da wird das Fremde bitter böse und peinigt mich und thut mir weh, und fahrt mir in das Herz wie Stiche, und in die Glieder, und streckt und schlagt sie ... o das ist schweres Leid ... sieh, da verdunkelt sich mein Auge ... Nebel sinken nieder ... sie treten zwischen mich und die Lichtgestalt meines Vaters ... gehest Du schon wieder? ... verläßt mich schon wieder? ... daß ich allein bin ... bin ich nicht Dein Kind, das Dich liebet ... ach, er ist geschwunden ... der Nebel wird zur Nacht, ganz finster ... helft mir, die ihr mir nahe seid, und ich sehe sie nicht ... betet, fallet nieder, daß ich gerettet werde...." O, wie waren wieder die Thranen der Mutter geflossen ... jetzt, da ihr Kind litt, da ihr Kind rief, war sie aufgesprungen vom Stuhle, und hatte sich niedergeworfen auf die Kniee ... und die beiden Knaben eilten hinzu, und warfen sich neben ihr nieder, und Jakob barg das Haupt in ihren Schooß ... auch Abraham, der älteste, knieete am Bette der flehenden Schwester, aber er hatte die Uhr in der Hand, daß die Sekunde nicht verfehlt werde ... und der alte Hirsch stand aufrecht, und lehnte das Angesicht an die überfrorenen Scheiben des Fensters, daß vor seinem Hauch und seinen Thränen sie schmolzen.. -. Die Kranke schwieg. Die vereinigt knieenden Menschen beteten still; nur der alte Hirsch murmelte und schlug mit der,Faust an das weiche, klopfende Herz.... Welche Geister schwebten wol in dieser Minute l durch die armselige Hütte?... Tugend, Frömmigkeit, Liebe und Weh ... der Du .droben hinter den Schleiern des Sichtbaren thronest, diese sind doch Etwas vor Dir, und sie athmeten in der düstern Krankenstube, sie klopften in den bangen Herzen, sie bewegten die rothen Knabenlippen, und die bleichen Wittwenlippen, und die farblosen Greiseslippen ... ach, die Erde ist so hart, auf der sie knieeten, und kein Enget streuete Rosen darunter ... warum barg sich die Hilfe, die Rettung vor ihnen trotz der Schuldlosigkeit, trotz der Inbrunst?... Dir hingegeben, und dennoch voll unsäglicher Schmerzen? ... Wer bist Du?... was willst Du mit gebrochenem Mutter- Herzen, mit zerdrückten Kinderherzen?... Die Zeit war abgelaufen. Abraham mahnte leise: „Steh auf, Mutter! sie erwacht ... steht auf, Kinder! schnell...." Ec trat zum Bette: „Wache auf, Schwester! Es ist an der Zeit...." Die Kranke erwachte. Sie stierte eine kurze Zeit, wie um ihr Bewußtsein zurückzurusen, die Ihrigen an, die ihre Sitze wieder eingenommen; die Mutter trat an's Bett, reichte ihr etwas Eingemachtes, und frug sie, wie sie sich befinde?... Sie antwortete matt und klanglos: „Ich habe wol geschlafen, aber ich fühle mich nicht erquickt ... wie spät ist es?" — „Bald halb zehn Uhr." — „Nun, so legt ihr euch wol nieder, daß ich schlafen kann...." Es geschah in kurzer Zeit, was sie gewünscht. (Fortsetzung folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen iViNgr. (1 gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum sowie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlung. Das provisorische Jeittralkomito der Genossenschaft für Reform im Iudenthum macht hierdurch bekannt, daß am 25. Oktober d. I. und in den nächstfolgenden Tagen Hierselbst eine Versammlung jüdischer Reformfreunde zur Berathung der gemeinsamen Interessen stattsinden wird, und fordert zu allgemeiner Theilnahme an derselben auf. Gestützt auf die Ueberzeugungen, mit denen wir im Ausruf vom 2. April 1845 das gegenwärtige Religionsbewußtsein des Judenthums aussprechen zu müssen glaubten, und getreu der Aufgabe, die wir uns für eine Reform im Judenthum gestellt haben, wie sie aus dem Bedürfniß der Gegenwart hervorgehen soll, halten wir es jetzt mehr denn je für unsre Pflicht, die thatkraftige

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