Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 42 (11.10.1847)
- Date
- 1847-10-11
- Page
- Seite 629 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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629 ihnen her, daß das Herz erstarrt, und der Geist nicht fliegen kann ... ha, sie wollen mich abhalten, sie wollen nach mir greifen ... weh! ... da kommt mein Vater! O, sei mir gegrüßt im Frieden des Himmels, o, Dein Nahen ist Gesang, ist Jubellied, o, Du verklärter, seliger Geist ach, auch Du kennest den Schmerz? droben noch der Schmerz? Du bist wol besorgt um die, die Du drunten auf der Erde gelassen? Du seufzest, Vater? Ist das mein Urtheil? Bringst Du mir keinen Trost? Nimmst Du mich nicht mit Dir? ... o laß mich mit, ich will hinauf, hinauf, was soll ich noch drunten? ... Der zerbrochene Leib ... die nichtigen Freuden der Erde, hinter denen der Schmerz lauert ... ich soll noch nicht...." Die Kranke hielt hier innez ihr Arm sank nieder; sie ward ruhig. Jakob hatte ihre Worte, so weit er vermochte, emsig niedergeschrieben. Der Mutter war von Zeit zu Zeit eine Thrane durch die getrennten Finger gerollt; der Kleine horchte auf, und wenn es ihn zu packen schien, warf er ungestüm, aber geräuschlos, ein Scheit Holz in die Ofenflamme. In dieser Pause ging die Hausthüre auf, die Thüre des Zimmers öffnete sich, und zwei Männer traten leise ein; es waren der alte Hirsch und irgend ein Verwandter der Familie. Jener ließ sich ohne Geräusch, und wie hinlänglich bekannt, auf einen Stuhl in der Ecke nieder; bei dem Eintritt Dieses erhob sich die Mutter Etwas, und aus ihrem Besremdung aussprechenden Blicke sah man, daß er, der Verwandte, fremd in dieser Hütte sei.... Die Kranke, die still vor sich hingelegen, konnte die Eingetretenen nicht gesehen haben; aber plötzlich sprach sie: „Der da gekommen mit der Seele in der Hülle des Lichts, der bleibe; aber fort mit dem im schmutzigen Gewände, fort, ich fühle den Frostschauer, der von ihm ausgeht, ich kann nicht schlafen in seiner Nähe...." Der Bruder verstand ihrer Worte Sinn, und höflich, aber dringend bat er um die Entfernung des Verwandten. Er ging. Ein Viertelstunde verfloß wieder in vollkommenem Stillschweigen. Da faßte die Hand der Kranken von selbst nach der Hand des Bruders, der sich niedergesetzt hatte, und sprach: „Ich werde heute noch eine halbe Stunde und fünf Minuten schlafen, dann wecke mich." — Der Bruder sing an zu fragen: „Wie oft wird Dein Schlaf noch wiederkehren?" — „Noch vierzehn Tage. Am vierzehnten Tage muß geschehen, was ich gesagt habe." — „Wiederhol' es uns, damit wir in Nichts fehlen." — „Es wird mir zur bestimmten Stunde, um neun Uhr Abends, ein Säckchen mit Kampher und ungelöschtem Schwefel auf die Herzgrube gebunden. Mein Unterzeug muß von dieser Stunde an von schwarzer Seide sein, und darf ich Anderes nicht anlegen. Bis dahin muß ich fortdauernd jede Stunde die Magnesia nehmen. Ich muß mich vier Wochen aller Fleischspeisen enthalten. Zu derselben Zeit, Punkt neun Uhr, müssen alle im Pfandhause befindlichen Sachen meiner Mutter in unserm Hause sein. Dies ist durchaus nothwendig. Geschieht dies nicht Alles pünktlich, ss sterbe ich in derselben Nacht." — „Wirst Du dann vollends geheilt sein, und Dich der Genesung erfreuen?" — „Das weiß ich nicht; mein Herz wird dann gesund, der Krampf verschwunden sein. Das Weitere steht in Gottes Hand. Betet!" — „Darf ich Dich weiter fragen?" — „Frage." — „Hast Du uns Nichts mitzutheilen?" — „Allerdings. Jakob steht eine große Gefahr bevor; er darf acht Tage lang durchaus keine Straße betreten, die auf den Fluß hinausgeht, sonst ist er verloren." — „Wird es uns nicht bald besser ergehen?" — „So ihr betet und frommen Herzens seid; so ihr dem heiligen Gesetze folget. Gebet ist groß, mächtig seine Kraft; es zertheilet die Wolken, die um den Menschen gebreitet sind; es zerstößt die Kapseln, die das Herz umschließen, die Kapsel der Selbstsucht, daß es in den Raum der Liebe hinausstcömt. Der Vater will angerufen sein, damit die guten Engel herabgezogen werden zum Menschen." — „Werden die Entwürfe, die ich hege, gelingen?" — „Dazu ist zweierlei nothwendig; zuerst daß Du Muth und Ausdauer habest; ist es gut, was Du vorhast, so darf es Dich gar nicht schrecken, ob Du keine Mittel siehst es auszuführen; fange nur an; wozu ist dann die Hilfe Gottes? und ist nicht mein Vater droben, der für uns fürbittet? Dann aber, merke wol, Sonntag über sechs Wochen reise nach H., und gehe um elf Uhr Vormittags in den Gasthof zum Löwen. Vergiß das nicht." — „Was wird denn da geschehen?" — „Du plagst mich, und das ist nicht schön von Dir; ich muß mich anstrengen zu sehen, und das schadet mir, und wenn ich es nicht sehe, ängstige ich mich, und das thut mir noch übler." — „Haben wir nicht noch Etwas zu thun, was Dir gut wäre?" — „Die Mutter lieben, ihr gehorchen, und pünktlich, fünf Minuten vor meinem Erwachen den Psalm zu beten. Auch des Morgens genau Eure Andacht zu verrichten. Nun ist es genug." — Die Kranke nahm ihre Hand aus der des Bruders, und es herrschte wieder Stille im Gemach. 42*