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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-10-11 · Heft 42 (11.10.1847) · p. Seite 628

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 42 (11.10.1847)
Date
1847-10-11
Page
Seite 628 (sequence 8)
Language
German
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628 Aber in der Hand hat der Knabe eine ekngetauchte Feder, neben ihm liegt gefalztes Papier, das Dintefaß fehlt nicht — er erwartet wol Etwas, was er schnell niederschreiben solle, ein Diktat, das die flinke Knabenhand befestigen soll zu dauernder Wahrung.... Auf dem Lager an der Wand liegt die kranke Schwester gerade ausgestreckt, mit gesenkten Augenlidern; aber sie schläft nicht ... denn von Zeit zu Zeit erhebt sie den rechten Arm und beschreibt langsam einen Kreis durch die Luft ... bisweilen heben sich auch die Lider, aber der Augapfel ist dann so hinaufgerückt in seiner Höhlung, daß man fast nur das Weiße gewahrt; sie hat dann das Auge geöffnet, aber nicht um zu sehen.... Und schau, die weiße Stirn, über die die Schatten flüchtig sich jagender Gedanken gleiten, oft sichtbar in den Falten, die schnell werden und schwinden ... schau, die bewegten Lippen ... sie regen sich, aber sie spricht in sich hinein, sie flüstert nur, Niemand vermag die Töne zu vernehmen ... und die wechselnden Linken um den Mund, bald Hoheit und Erhebung, bald tiefe Schwermuth und geistigen Schmerz ausdrückend.... Vor ihr an ihrem Lager stehet der älteste Sohn des Hauses, hat ihre linke Hand sanft, aber fest gefaßt; er beugt sich nach vom, wie um die Worte der Schwester zu vernehmen, wie um die Empfindungen zu erlauschen, die sich auf ihrem bleichen, edcln Angesichte ausprägen.... O, das ist auch ein Züngling, ein achtzehnjähriger, aber die gedrungene Gestalt, die feste Haltung, das schlichte Haar, die sicheren braunen Augen, der geschloffene Mund, die scharfe Nase, die hohe Stirn mit den Wölbungen über den Augenbraunen, sie bezeugen, daß er Mann geworden vor der Zeit, daß nicht Leichtsinn in diesem Geiste wohnet, sondern schaffende Gedanken, nicht Trunkenheit der Gefühle in diesem Herzen, aber weiche, zarte Empfindungen, die sich schüchtern verbergen vor der Welt, ein bestimmter, ausdauernder Wille, aber nur für sich und die ihm nahe stehen ... das Leben kreuzte sich für ihn mit allen Wünschen und Hoffnungen der Jugend, und darum hat er seine Welt nur in sich hinein gelegt, alles Acußere nur als Zugabe betrachtend, die man gern annimmt, derer man aber nie gewiß ist, so daß man ihr von vorn herein mit Entsagung begegnen muß.... Wol, mein Jüngling, möcht' ich Dir gefolgt sein in allen Gängen Deines Geistes durch Deine kurze Jugend, um mir zu enträthseln, wie Du geworden so voller unendlichen Kraft zu tragen, und so geringer Energie zu handeln, so voller Fülle zu geben, und Mangels zu fordern, spinnend große Schätze aus Dir heraus, aber wenig begreifend die Schätze der Welt ... diese hat auch Solche, nur nicht die, welche man gewöhnlich dafür hält.... D>'e Mutter aber saß seitwärts zu Häupten des Bettes ihrer Tochter, und hatte das Antlitz in die Hände gestützt ... der „Kleine" hinter dem Ofen gekauert, in den er von Zeit zu Zeit ein Stück Holz legte, um die Flamme zu unterhalten, in die sein Auge schaute ... aber wahrlich, das kluge Auge bedeutet, daß er Alles sieht und beachtet, wenn auch Niemand auf ihn sieht und ihn beachtet. „Warte nur, ich will es schon machen!" was er heute früh zu der Mutter sprach, als er zu dem schlafrockbekleideten Manne mit dem Hunde ging — schien die Devise seines Lebens zu sein. O, Kind, daß Du oft freundlichere Wege und mit glücklicherem Erfolge gehest!... So ganz allein, in ihrer Stille, war die Familie beisammen ... die Hütte einer armen Wittwe wird wenig besucht; was hätte sie auch. Anziehendes?... selten nur hörte man die knisternden Schritte eilends Vorüberschreitender draußen durch die. befchneieten Straßen. Niemand sprach. Alle schienen zu erwarten, was kommen würde, gewiß, daß es kommen würde. Horch! eine klangvolle Stimme erhebt sich, so voll, so melodisch, so metallrein, daß die Worte Musik scheinen, aus der Höhe hecabkommend. Es sind einzelne Worte, noch ohne Zusammenhang. „Vater!... Lichte Wolken ... treib' ihn hinweg! ... Fort, fort ... wie schön, wie himmlisch.... Willkommen ... bin ich erhört? hast Du gebetet am azurenen Throne?... ist die Pforte geöffnet?... Laß ihn nicht nahen, in der schwarzen Hülle, nicht mit dem feuerspeienden Antlitz ... o er will greifen nach dem Herzen Deiner Tochter, er will ihm einsenken den Gifttropfen, daran es vergehe ... aber Du leidest es nicht...." Immer geflügelter wurden die Worte der Kranken, zusammenhängender die Reden, häufiger die Bewegungen des rechten Armes, ausdrucksvoller die Züge ihres Antlitzes. Sie hob an: „Es ist schön, einzugehcn durch die Pforten; da quillt Lichtstrom entgegen voller Engelschaaren, auf rosigen Wolken kommen die Geister der Seligen; blauer Himmel wölbet sich droben, aber er ist geöffnet, und die Aussicht in unendliche Ferne, aber man schauet in ihr riesige, aber bestimmte Gestalten, die man nicht beschreiben kan« ... ach, ehe ich ckntrcte, da kommen sie, die schwarzen Gestalten, ha, da huschen sie herbei und drängen sich vor, und eisiger Schauer wehet vor

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