Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-10-11 · Heft 42 (11.10.1847) · p. Seite 626

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 42 (11.10.1847)
Date
1847-10-11
Page
Seite 626 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225540--08911-3239751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

626 Ereigniß aus unsrer Gemeinde Ihnen nicht vorenthalten zu dürfen, als dasselbe geeignet ist, manche unrichtige Ansicht, die über Oberschlesien sich verbreitet, zu berichtigen. Die hiesige Gemeinde wird, wie sie die größte ist, auch für die orthodoxeste in Oberschlesien gehalten, und doch sind wunderbarer Weise seit dem Zeitraum eines kurzen Jahres so viele und nicht unwichtige Fortschritte hier wahrzunehmen, daß man die unbesiegliche Macht der Zeit anstaunen muß. Abgesehen davon, daß ein höchst geordneter Gottesdienst mit Chor hier abgehalten wird, daß bei öffentlichen Akten, wie Trauungen, Beerdigungen, die höchste Feier und Weihe herrscht, geht die Gemeinde jetzt ernstlich damit um, die erledigte Rabbiner- oder Predigerstelle mit einem wissenschaftlich gebildeten Manne zu besetzen. Seit der vierjährigen Vakanz des . hiesigen Rabbinats, als der Zeit, wo überhaupt die verdunstete Atmosphäre ein wenig sich zu reinigen begann, haben sehr viele in- und ausländische Kandidaten hier gepredigt, von denen es nur dem Rabbiner Neu da aus Mähren gelang, die hiesige Gemeinde für sich zu gewinnen, dessen Engagement aber von der Regierung hinterher annullirt wurde. Darauf haben fast alle breslauer Kandidaten hier debüttirt, aber mit sehr geringem Glück, trotzdem Viele von ihnen so orthodox zu geriren sich wußten als wären sie geborene Gleiwitzer. Da ereignete cs sich, daß vor dem Neujahr ein hiesiges Gemeindemitglied den Kandidaten M. Go Idstein aus Breslau hierher berief, um den Trauungsakt bei seiner Tochter zu vollziehen. Herr G. ist bei uns als ein sehr freidenkender, gesinnungstüchtiger und talentvoller junger Mann längst bekannt gewesen; wir wußten von ihm, daß er im Jahre 46 bei der Reformgenossenschaft als Deputirter der breslauer Reformpartei sich betheiligte und wir konnten darum nicht hoffen, daß er vom hiesigen Vorstand zu einer Gastpredigt würde aufgefordert werden. Aber was gelingt nicht Alles dem Genie? Herr Goldstein sprach bei dem Trauungsakt, der in der Synagoge stattfand, so hinreißend und begeisternd, daß er unverzüglich vom Vorstande zu einer Predigt auf den nächsten Sabbat Nezabim aufgefordert wurde. Nach langem Weigern nahm Herr G. die Einladung an, sprach am Sabbat mit solch hinreißender feuereifriger Begeisterung, mit solch seltener Kraft für die Berechtigung und Nothwendigkeit der Reform, daß wir jeden Augenblick den Ausbruch eines Skandals erwarteten. Aber wir hatten uns getäuscht. Die ehrenhafte Gesinnung des Redners, die aus der Wärme und dem Feuer seiner Worte hervorleuchtete, hatte wie ein Zauber auf das Publikum gewirkt und nach kaum beendetem Gottesdienst bestürmten die Gemeindcglieder den Vorstand, Herrn G. auf das bevorstehende Neujahrs- und Versöhnungsfest zu Gastpredigten aufzufordern. Dies geschah und wir haben seitdem Herrn G. siebenmal in unserm Gotteshause mit immer steigendem Beifall sprechen hören, so daß viele nicht unwichtige Stimmen laut geworden sind, demselben das Predigeramt an der hiesigen Gemeinde zu übertragen. Wir glauben nicht, daß derselbe daran denkt, hier engagirt zu werden, weil der obcrschlesische Boden kein Wirkungskreis für seine Talente ist. Aber gezeigt hat er uns, daß die hiesige Gemeinde einen Mann des kräftigen Wortes bekommen muß, wenn die Keime Früchte bringen sollen. Bedenkt man, daß vor drei Jahren ein hiesiger ehrenwcrther Lehrer aus dem Lehrverein verwiesen wurde, weil er einen freisinnigen Vortrag darin gehalten, so ist es wahrlich ein großer Sieg der Zeit zu nennen, daß an den heiligen Tagen auf der hiesigen Kanzel bei der lautlosesten Stille der Gemeinde Dinge gesprochen wurden, die man einander in traulichen Gesprächen hier früher kaum zu sagen wagte. Wie wir hören, soll von den Rabbinern zu Beuchen und Sorau ein Bannstrahl gegen unsere Gemeinde erlassen worden sein, da diese Herren nicht zu wissen scheinen, daß man hier sie nur belächelt. Auf die nächsten Tage ist die hiesige Rabbinerwahl festgesetzt, wir glauben aber nicht, daß sie zu Stande kommt; da der letzte Kandidat alle früheren so überstrahlt, daß man an sie nicht mehr denkt, er selber aber dennoch keine Aussicht hat, da er als Bewerber um die hiesige Stelle durchaus nicht auftreten mag. Nehmen Sie diesen kurzen Bericht als Einleitung zu den Mittheilungen, die ich Ihnen öfter zu machen gedenke, sobald nur etwas Mittheilenswerthes in unserer Gegend sich ereignet. Dir. W. Königsberg, im Oktober. (Nordd. Bl.) Ein wichtiger und erfreulicher Beweis, welchen Einfluß die Debatten des Landtages auch auf unsere Gelehrten gehabt, ist der vorgestern gefaßte Beschluß des Conciliunx generale unsrer Universität, beim nächsten Zusammentritte des Konziliums (im November) eine Pe-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.