Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1847)
- Date
- 1847-10-04
- Page
- Seite 618 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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618 kommen die jüdischen Barken mit Flachs, Hanf, Leinsamen, Getreide und Holz beladen, das dann in die genannten Lande verschifft wird. Von den lithauischen Provinzen senden andre jüdische Hauser ihre Agenten mit großen Produktexporten nach Danzig, wo sie ebenfalls nicht unbedeutende Geschäfte machen. — Im Süden ist Berditschew in Wolhynien das Moskau des russischen Handels, wo die Juden die Produkte der an Korn so reichen Provinzen Wolhynien, Podolien und Kiew lagern, und sie dann nach Odessa verführen lassen, das mit seinen Schiffen so viele Küsten des mittelländischen Meeres besucht. — Ein anderer sehr bedeutender Geschäftszweig der russischen Juden sind die Kronslieferungen. Die russische Regierung baut nämlich die Straßen des Landes, die öffentlichen Gebäude nicht selbst, noch besorgt sie unmittelbar die Equipirung ihrer einer Million starken Armee, sondern giebt Alles an Lieferanten (Podrädschiki) ab. Da sie die Habsucht und Geldgier ihrer Beamten kennt, so fürchtet sie sich, auf eigne Kosten dies Alles zu besorgen; und giebt es in die Hände der Lieferanten, die dann den Gelddurst der Beamten auf eigne Rechnung stillen müssen, und wenn sie bei ihrem Kostenanschlag diese Summen nicht schon mit eingerechnet haben, immer zu kurz kommen — (wovor sie sich aber weislich hüten). Auch diese Lieferungen dürfen die Juden nur in den von ihnen bewohnten Gouvernements übernehmen; und da Letztere größtencheits sehr bedeutend sind, so können sich nur die Bemittelten damit befassen. Letztere sind aber nicht Viele, da man unter den 1,500,000 Juden in Rußland keine zwanzig zählt, die 100,000 Thaler, keine 100, die 50,000 Thaler rc. werth sind. Aber dennoch leisten die Juden auch in diesem Fache weit mehr als in ihren Kräften steht; und es giebt sogar Familien, die durch ihre Handelsunternehmungen die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen und das erbliche Ehrenbürgerrecht durch ihre Verdienste sich errungen haben. — Der zweite Stand sind die Handwerker. Die Juden traf sehr lange der Vorwurf, daß sie dieselben nicht betrieben; die russischen Ankläger hatten sich denselben aus Deutschland genommen, wo der Jude durch die alten Gesetze verhindert war, dieselben zu erlernen und zu betreiben, und glaubten daher, daß sie auch in Rußland denselben entfremdet wären. Wie erstaunte ich aber, als ich die russischen Provinzen bereiste und alle Ortschaften von jüdischen Handwerkern übervölkert traf. Da giebt es kein Handwerk, vom leichtesten bis zum schwersten, vom größten bis zum kleinsten, das die Juden nicht betreiben; die einzige Stadt Wilna zählt über 1000 Schneider und über 1000 Schuster. Man wirft den Leuten vor, daß sie die feine Arbeit, ein pariser Modejournal nicht verstanden; aber erstens haben diese Leute blos für ihre jüdischen Kunden zu arbeiten, und die Schubetze war seit Jahrhunderten keiner Mode unterworfen; und haben sie auch für Christen zu arbeiten, so fehlt ihnen ja alle Gelegenheit zur Ausbildung, da der Aufenthalt in Petersburg und Moskau ihnen verboten ist. Und in den deutschen Städten Riga und Mitau sind die Handwerker so beschränkt, daß in ersterer Stadt der Jude nur bei einem Juden in die Lehre gehen und arbeiten, und in letzterer der Vater ausschließlich nur mit seinen Söhnen arbeiten darf. Es ist kein Wunder, daß solche und ähnliche Beschränkungen hart auf die Handwerker drückten, die vor überstarker Konkurrenz sich unmöglich heben konnten. Und dennoch haben die Juden sich nicht blos auf die kleineren Handwerke beschränkt, sondern im Süden, wo die Armuth nicht so furchtbar, wie im Norden ist, sogar Fabriken errichtet. Ich zähle, da mir besonders von Podolien die Data vorliegen, die hier etablirten Fabriken auf. Da giebt es Tuchfabriken in Dunajowey, Ladischin, Kaljuß, Kamionka, Minkowey, Nemeroff, Teplik; Fabriken von Shawls und trrrta, die selbst die türkischen an Feinheit übertreffen, in Berschady; eineTüchelfabrik nach türkischen Desseins in Mohilew; eine Papierfabrik in Minkowey; eine Stecknadelfabrik in Miendschibosche; Webereien dicker Sackleinewand, Seifensiedereien und Lichtgießereien ungemein viele. So gab es hier und in anderen Provinzen sehr bedeutende jüdische Verlagssirmen, die aber durch das Gesetz vom April 1835 aufgehoben wurden, da man den Juden blos in Wilna und Kiew Solche zu haben gestattete. — Das Branntweingeschäft beschäftigte ungemein viele Familien; vorerst die eigentlichen Brantweinhändler en gros/ die große Depots hatten; die Zwischenhändler, denen die häufige und beträchtliche Veränderlichkeit der Preise einen großen Spielraum zu Spekulationen gab; die Vesi'rer des Branntweins beim Ankäufe und Verkaufe; die Makler und die Ausschenker. Man rechnete in Rußland gewiß über 30,000 Familien, die sich hiervon theils reichlich theils ärmlich ernährten. — Dann kommen die Posthalter, die von der Krone die Poststationen in der Art pachten, daß sie eine gewisse Anzahl von Pferden zu halten verpflichtet sind, und außer den gewöhnlichen Taxen der Reisenden, von der Krone noch eine besondre Vergüti-