Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1847)
- Date
- 1847-10-04
- Page
- Seite 612 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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612 gm, daß für den Unterricht armer Kinder sorgen eine große, vielleicht die größte np-iL ist! Es ist dies nicht Sache einzelner Familienvater, die — man muß es anerkennen — mitunter große Opfer bringen, wo es gilt für religiöse und geistige Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen, sondern Pflicht, unerläßliche Pflicht der Gemeindevorsteher. Diesen liegt es ob, diese sind dafür verantwortlich!! Sehr nachtheilig wirkt auch der häufige Lehrerwechsel, und ich könnte Ihnen, verehrter Herr Doktor, Gemeinden nennen, wo jährlich mitunter sogar halbjährlich andere Lehrer engagirt werden, und als ob es darauf abgesehen sei, daß die Zugend ganz verkümmere, die Lehrerstellen oftmals obendrein eine Zeitlang ganz unbesetzt bleiben. Ich könnte Ihnen Gemeinden nennen .... doch genug für dies Mal; künftig will's Gott, wenn Sie es gestatten, mehr über diesen Gegenstand. Schließlich wollen wir uns die Hoffnung nicht versagen, daß es auch hiermit bald besser werden und daß §. 62 des neuen Gesetzes, wonach jede Gemeinde verbunden ist, solche Einrichtungen zu treffen, daß es keinem jüdischen Kinde an dem erforderlichen Religionsunterrichte fehle, gewiß die besten Erfolge haben wird. Gott gebe es! W—ll. Minden, im September. (Privatmitth.) Wenn auch Ereignisse, wie eine Synagogenweihe, Dank sei es dem neuerwachten, geläuterten religiösen Bewußtsein, zu keiner Seltenheit mehr gehören, und der Redakteur dieser Zeitschrift es wiederholt ausgesprochen hat, seine Leser mit Beschreibung derselben nicht behelligen zu wollen, da sie sich zu oft wiederholen, so glaube ich dennoch ihre Verzeihung zu erhalten, wenn ich ihre Aufmerksamkeit durch eine kurze Schilderung einer Solchen in diesen Blättern in Anspruch nehme, fände dies auch keine andere Entschuldigung als in dem Umstande, daß es die erste aus unserm Westphalen ist. Die jüdische Gemeinde unsrer Nachbarstadt Bielefeld sah sich vor zwei Jahren genöthigt, ihre den Einsturz drohende Synagoge niederzureißen und eine neue zu bauen. Bei beschränkten Mitteln, die Gemeinde ist nicht sehr groß und nicht reich, wurde ihr dies bei mangelnder nachhaltiger Unterstützung von außen nur durch große Sparsamkeit, und durch die umsichtige, unermüdende, aufopfernde Thätigkeit eines ihrer Vorsteher, des Herrn Merfeld, und durch die uneigennützige Mitwirkung des Herrn Eisenbahningenieurs Manstedt, der den Entwurf, alle Pläne und Zeichnungen ohne alles Entgelt lieferte und den Bau beaufsichtigte, möglich, so daß das neue, in seinem Innern ebenso einfach als zweckentsprechend und geschmackvoll hergesteüte Gebäude am 3. d. M. feierlich geweiht und der Gemeinde zu den bevorstehenden Feiertagen zum öffentlichen Gottesdienste übergeben werden konnte. Die Anordnung dieser Feier durch ein zweckmäßiges Programm, die Unterbringung der vielen Gäste bei den gastfreien Gemeindemitgliedern war auf's Beste von den Vorstehern Herren Merfeld und Dreyer besorgt. Ein seit einem Jahre mit größtem Fleiße eingeübter Sängerchor führte mit Musikbegleitung alle Gesänge vortrefflich aus. Die von dem Vorstande zu der Feier eingeladenen Behörden, der Landrath des Kreises, der Bürgermeister mit dem Magistrate, der Stadtverordnetenvorsteher, die sämmtlichen evangelischen Geistlichen, viele fremde Gäste hatten sich dem um 4 Uhr stattsindenden Zuge zur neuen Synagoge angeschloffen. Nach den üblichen Zeremonieen vor der Eröffnung derselben durch den Geistlichen der Gemeinde Herrn Posner, sprach dieser, nachdem der Zug in der Synagoge die angewiesenen Plätze eingenommen hatte, das Ma tobu in deutscher Sprache. Der Chor sang dann einen eigens zu diesem Zweck gedichteten und komponirten Choral, worauf der alte, würdige, um unsere Gegend so hochverdiente Herr Bamberger aus Gütersloh nach einigen trefflichen einleitenden, diese jüdische Sitte erklärenden Worten, bei offener Lade das Schehechianu und Baruch haba sprach. Dann folgte, nach abermaligem Chorgesang, die von dem Prediger der Gemeinde zu Minden, Herrn Edler, gehaltene Weihepredigt über Psalm 100, V. 3., von der alle Zuhörer sowol durch ihren gediegenen, zeitgemäßen Inhalt, als durch den wahrhaft begeisterten Bortrag des Redners tief ergriffen und erbauet wurden. Sie war ganz dazu geeignet, der jungen jüdischen Kanzelberedtsamkeit auch unter den anwesenden Nichtjuden Geltung zu erwerben. (Sie wird auf Wunsch der Gemeinde ehestens im Druck erscheinen.) Leider schwächte der folgende Redner, der das Gebet für den König, die Behörden u. s. w. sprechen sollte, gar sehr den hervorgebrachtcn Eindruck durch eine ungehörige, und mild ausgedrückt, taktlose Einleitung und unziemliches Auseinanderzerren des Gebets. Nachdem der Chor einige Verse des Lecha dodi und noch