Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1847)
- Date
- 1847-10-04
- Page
- Seite 611 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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611 die sich eingeschlichen? Um eins zu erwähnen, wer sieht's nicht ein, wie störend und nachtheilig das an manchen Orten noch bestehende Mitzwotverkaufen und die vielen Mischeberach's und besonders das leidige Plaudern und Unterhalten auf die Andacht, ohne welche doch wahrlich kein Gottesdienst denkbar ist, wirken muß? Und doch gelang es bis jetzt nicht, diese Mißbrauche gänzlich und an allen Orten aus der Synagoge zu bannen und einen den Anforderungen der Religion entsprechenden und zeitgemäßen Gottesdienst herzustellen! Wol haben schon manche Gemeinden unsers Regierungsbezirks, mit gutem Beispiele vorangehend, ihr Gemeinde-, Synagogen- und zum Theil auch ihr Schulwesen geordnet; so die Gemeinden zu Thorn, Graudenz (in welchen beiden Städten erst kürzlich durch Herrn vr. Sachs aus Berlin zwei neue Synagogen auf eine äußerst würdige Weise eingeweiht wurden), Marienwerder, Schwetz (welche an Herrn A. Cassel einen guten Prediger haben soll), Conitz, Märk. Friedland und zum Theil auch D. Crone und Schloppe (welche letztere Gemeinde seit zwei Jahren in der Person des Herrn Joseph Neustädter einen tüchtigen und durch seine schönen deutschen Vorträge recht segenreich wirkenden Rabbiner besitzt); wol befinden sich in vielen Gemeinden gebildete und mitunter sogar des Talmuds kundige Männer, die Sinn haben für alles Gute und Edle; wol haben schon manche thatkräftig wirkende Vorsteher nach dem Bessern gestrebt, allein alle ihre Anstrengungen scheiterten, mußten scheitern, da sie nicht die geringste gesetzliche Kraft und Autorität besaßen, das für gut und zweckmäßig Erkannte zu realisiren; und ist's darum auch in vielen Gemeinden so weit gekommen, daß Niemand gern das Vorsteheramt, das sonst ein Ehrenamt in Israel war, übernimmt und der Gewählte immer mit Jesaja 3,7. spricht: am t-rrtN Nb „ich mag kein Vorsteher sein." Doch es wird nun mit Gottes Hilfe hoffentlich besser werden; denn es herrscht in vielen, selbst in kleinen Gemeinden der beste Sinn und Wille; Alle wünschen gewiß, ihr Synagogen- und Schulwesen geordnet zu sehen, und durch das neue Gesetz wird's ihnen möglich, ihre Wünsche zu verwirklichen. Freilich wird viel, sehr viel von der ersten Wahl der Repräsentanten und von den Statuten abhangen, und nennen — während des Gebets solche Unruhen statt, daß es himmelschreiend, daß es ein wahrer cnan bib^ri war! es müßte sehr darauf gesehen werden, wem man Vollmacht giebt, Rabbinen, Lehrer und Kantoren zu wählen, wem man die heiligsten Interessen, das Wohl und Weh der Gemeinde anvertraut! Es müssen dies tüchtige, gottesfürchtige und unpnrteiische Männer sein, n»N rrnnbN w b">n •’iziiN, die ein Herz haben für die Veredelung des Gottesdienstes und für die Verbesserung des Schulwesens und vom besten Eifer für das Gesammtwohl der Gemeinde beseelt sind. Solche, aber nur Solche können sehr viel Gutes wirken, wenn sie nur wollen, mit Ernst und Beharrlichkeit wollen; denn auch hier gilt: sott :-rb “iwab. Besonders ist's das Schulwesen, das leider noch sehr im Argen liegt und einer durchgreifenden Verbesserung bedarf. Auch hierin ist schon Etwas geschehen, sind so zu sagen die ersten Steine zum Baue zusammen getragen; denn wir haben schon einige recht gute öffentliche Schulen, und zwar in Märk. Friedland mit zwei Lehrern (Subrektor Cohn und Lindenberg) und in D. Crone ebenfalls mit zwei Lehrern (Wilczynski und Baruch); auch haben wir einige gute Privatschulen, wovon ich nur die zu Thorn, Marienwerder (unter Lehrer Rosenthal), Conitz (unterLehrer Fordon), Zempelburg (wo sich einige jüdische Lehrer befinden) und die hiesige nennen will; — doch in vielen Gemeinden, und es sind deren 43 mit ungefähr 2900 schulfähigen Kindern in unserm Regierungsbezirke, sieht's mit dem Schulwesen noch sehr traurig aus; in manchen befinden sich nämlich gar keine jüdische Schulen — wie es dort mit dem Religionsunterrichte bestellt ist, läßt sich leicht denken — in anderen bestehen sie zwar, aber nur für die Kinder der Reichen und Bemittelten; und cs muß wahrlich Jedem, der es treu meint mit der Religion und der Volkserziehung sehr betrüben, wenn er sieht, daß ein großer Theil der Kinder, besonders die der ärmern Klaffe, ganz ohne Religionsunterricht aufwächst und man nicht selten Knaben trifft, die nicht einmal jene zehn Bundesworte, die doch die Grundlage aller Religionen sind, kennen, ja, die an ihrem Barmizwatage kaum die Hastora richtig vorlesen können! O, möchte man doch beherzigen, was man täglich dreimal in der Stunde des Gebets spricht: vnrnwi n« vrnrnbi “prsb; möchte man doch dafür sorgen, daß alle Kinder, Knab en und Mädchen, reiche undarme, Gotteswort kennen lernen! möchte man doch beherzi-