Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1847)
- Date
- 1847-09-27
- Page
- Seite 603 (sequence 11)
- Language
- German
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603 fallen dem gewöhnlichen Schlendrian anheim. Fügen wir noch hinzu den oft beklagten Zwiespalt zwischen Schule und häuslichem Beispiel, zwischen Schule und Synagoge, so wird es keinem Zweifel unterliegen, welche der drei obenerwähnten Anordnungen die bessere sei. Nachdem ich noch einen dritten Tag auf der Reise zugebracht und mit Verdruß wahrgenommen hatte, wie wenig für die Bequemlichkeit eines reisenden Israeliten aus unseren Straßen gesorgt wird, gelangte ich endlich am vierten Abends nach Pesth, dem Eldorado meiner Wünsche, wo mir zwar keine gebratenen Tauben, aber desto mehr ungebackene und ungesottene Lehrer zufliegen sollten. Des darauffolgenden Tages — es war Sabbat — war mein erstes Geschäft, mir Einige der bekanntesten Sensalen kommen zu lassen, um mich mit denselben über meine Angelegenheit zu besprechen. Diese Maßregel, darf Niemanden befremden. In Ungarn, besonders in dem durchaus merkantilen Pesth, werden Thier- und Menschenselle, Schafwolle, Knopern und Pädagogen blos durch derlei Mittelmenschen an den Mann gebracht. In allen unseren vaterländischen Zeitschriften liest man vielfache Aufforderungen verschiedener Gemeinden an fähige Schulmänner, aber es ist mir kein einziges Beispiel bekannt, daß irgend Einer der Letzteren ein solches Organ gewählt hätte, seine Dienste öffentlich anzutragen. Entweder herrscht bei uns ein wirklicher Mangel an solchen Individuen oder sind diese zu bescheiden öffentlich auftreten zu wollen. Jedenfalls ist das Suchen nach denselben äußerst schwierig. Unsere Sensalen sind daher wahre Wünschelruthen, welche die verborgensten Schätze auszuspahen wissen und ein vollständiges Verzeichniß aller Dignitäten Ungarns für jeden Kauflustigen in Bereitschaft halten. Mein erster Versuch ließ mich auch das günstigste Prognostikon hoffen; denn kaum hatte ich mit Einigen dieser Mäkler gesprochen, als ich von allen Seiten die unerwartete Versicherung erhielt: es sei ein solcher Ueberfluß an der gesuchten Waare, daß ich nur blindlings zugreisen dürfe, um eines sichern Treffers ganz gewiß zu sein. Voll der frohesten Hoffnung beschied ich die mir vorzuführenden Individuen aus den folgenden Tag, um den heutigen zur Besichtigung der Stadt und zum Abstatten einiger Besuche verwenden zu können. Ich schlcnderte durch die besonders eben jetzt zur Marktzeit äußerst belebten Straßen, wo mich das bunte und rege Gewühl einer zahllosen einheimischen und fremden Menschenmaffe fast betäubte. Auffallend und unangenehm berührend mußte aber für mich die Bemerkung sein, daß fast alle Waarenlager derJscaeliten geöffnet und die Geschäfte in ununterbrochenem, werktägigem Gange waren. Arme 77 Zionswächter! Ein einziger Sabbat von euch in Ungarns Hauptstadt zur Marktzeit zugebracht, würde euch am Besten belehren, wie vergeblich ihr gegen die Bedürfnisse des wirklichen Lebens ankämpft; ein einziger Sabbatbesuch in die dortigen zahlreichen Träterien und Kaffeehäuser würde euch am Klarsten sehen lassen, wie der jetzige Zeitgeist alle euere Dämme und Schanzen schadenfroh nnterwühlt! Ihr habt Unrecht, dem reißenden Strome einen Damm aus morschem Gehölze entgegensetzen zu wollen; ihr habt Unrecht, noch da die egyptische Finsterniß euerer Mysterien verbreiten zu wollen, wo bereits das Helle Sonnenlicht durch alle Ritzen bricht. Ihr begehet ein zehnfaches Unrecht, da noch das Alte vertreten zu wollen, wo die Gegenwart unerbittlich die Vergangenheit, das Jagen nach irdischen Genüssen jeden höhern Sinn für geistiges, religiöses Leben, das Streben nach mißverstandener bürgerlicher Gleichstellung jedes Gefühl für Nationalität und historische Nückecinnerung gewaltsam verdrängt! Und doch kann ich euch nicht ganz Unrecht geben. Ihr wollt auf den Trümmern eurer wahren oder erheuchelten Ueberzeugung siegen oder sterben und wahrlich! vom pesther Markte könnet ihr euch die Fragmente zu euerm Sterbekteide holen. Dieser unangenehmen Betrachtungen los zu werden begab ich mich zu dem ehrwürdigen Rabbiner Herrn Schwab. Zwei Dezennien sind bereits seit meiner ersten und nähern Bekanntschaft mit demselben entschwunden. Er hat sich in seinem Aeußern bedeutend geältert; allein nicht nur fein Geist, sondern seine ganze Art und Weise, wie das Feuer seiner Rede, sein rasches und allseitig richtiges Auffassen eines jeden Gegenstandes sind noch immer jugendlich. Ich hatte ihn immer der Fahrlässigkeit in seinem Berufe angeklagt, es ihm sehr verargt, daß sein Wirken mit seiner Stellung in so ungleichem Verhältnisse stehe, konnte es ihm kaum verzeihen, daß von seiner Seite so wenig Lebendige Reaktion für das Judenthum verspürt wird; allein eine Stunde des nähern Beisammenseins und des herzlichen Ergusses hat mich so ziemlich wieder mit ihm ausgesöhnt. Eines letztern Vorwurfes konnte ich ihn indessen doch nicht ganz entbinden, daß ec nämlich durch Wahl, Empfehlung und Beförderung guter Schulmänner wenigstens auf die Erziehung