Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1847)
- Date
- 1847-09-27
- Page
- Seite 602 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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602 ba sie die Veranlassung zu meiner Reise war. Der allenthalben fühlbare Mangel an tüchtigen Schulmännern war die Ursache, daß ich mich entschließen mußte, den deutschen Auswanderern gleich, in weiter Ferne ein Glück zu suchen, das ich in der Nahe zu finden vielleicht nicht verstand. Am 2. dieses trat ich meine Reise an und hielt mein erstes Nachtquartier in Latran, einem Dorfe in der Somogy, wo ich bei Herrn L. und dessen Bruder, den einzigen israelitischen Bewohnern des Ortes, eine freundliche Ausnahme fand. Eine einzige Nacht bei einem ungarischen Israeliten auf dem Lande zugebracht schlagt alle Anklagen: „der Jude sei der Landwirthschaft abgeneigt", am Triftigsten zurück. Jeder israelitische Dorfbewohner, besonders wenn er zugleich Pachter irgend eines grundherrschaftlichen Regals ist, stellt einen ungarischen Gutsbesitzer mit allen seinen Tugenden und Mangeln im Kleinen dar, nur mit dem Unterschiede, daß dieser den Erlös seiner besser bewertheten Erzeugnisse vergeudet, jener hingegen denselben zusammenhält, um damit neue Gewinnste zu erringen. So fand ich es auch in Latran. Herr L., im Besitze von Aeckern, Wiesen und Weingarten, die er vortrefflich bearbeitet, verschmähet auch andere Handelsunternehmungen nicht, wodurch er zu bedeutendem Wohlstände gelangt ist. Höchst überrascht war ich, als mein Wirth mir die neuerbaute, großartige und herrlich eingerichtete Synagoge zeigte, welche er erst vor Kurzem ganz aus eigenen Mitteln erbauet und dadurch, mittelst Zufluß benachbarter einzelner Dorfbewohner, gleichsam einen eigenen Kirchsprengel gebildet hatte. Hiebei kann ich nicht umhin, als einen schönen Beweis konfessioneller Eintracht zu erwähnen, daß wahrend des Tempelbaues das ganze Dorf wetteiferte, demselben alle mögliche Hilfleistungen zukommen zu lassen, in dankbarer Erinnerung dessen, daß bei dem einige Jahre vorher stattgcsundenen Kirchenbau auch Herr L. bedeutende Hilfe geleistet hatte. Nur Schade, daß die Veranlassung zum Bau dieser neuen Synagoge nicht so ganz rein und tadellos ist! In dem ganz in der Nahe gelegenen Dorfe Lengyelsoty befindet sich bereits jeit langer Zeit eine kleine Jsraelitengemeinde, welche durch den unermüdlichen Eifer eines gewissen Herrn B. Löwensohn nicht nur eine gute innere Organisation, sondern auch eine rreffliche Schule, ein Spital und in der Person des jungen, wissenschaftlich gebildeten Herrn Ehrlich ein neugegründetes Rabbinat erhielt. Alle diese, freilich zu sehr auf überschätzte Kräfte basirten Institute konnten nur dann für die Dauer gedeihen, wenn alle in der nächsten Umgebung — Latran mitgerechnet — wohnenden Israeliten jenem Gemeinde- Vereine beitraten und demselben fest anhingen. Dies geschah auch längere Zeit. Allein ein Privatzwist zwischen den Herren B. Löwensohn und L. führte einen unheilbaren Riß herbei. — Die in Saturn erbaute Synagoge ist nun der Mittelpunkt eines sich bildenden Kreises geworden, wodurch Lengyelsoty bedeutend geschmälert und dessen begonnenes Fortschreiten nicht wenig bedrohet wird. Des darauffolgenden Morgens setzte ich meine Reise fort und fand mein zweites Nachtquartier in Stuhlweißenburg, wo ich sogleich den Rabbiner Herrn Zipfer besuchte. Es war für mich sehr erfreulich, mitten in der Rabbinersahara Ungarns eine tebensfrische Oase zu finden, statt einer ausgetcockneten Mumie vergangener Jahrhunderte, einem freundlichen Bilde der Jetztzeit zu begegnen. Herr Z. mit seinem vielseitigen Wissen und mannigfach gebildeten Geiste ist einer unserer wenigen Rabbinen, welche die Forderungen der Gegenwart an das Judenthum in ihrem ganzen Umfange zu würdigen wissen und voller Eifer denselben Genüge zu leisten; allein es fehlt ihm jener Sprudelgeist, der alle Verhältnisse und Hindernisse überft'ehet oder gewaltsam umgestalten will. Er wirkt langsam und vorsichtig und dadurch hoffentlich mehr für die Dauer. Sein größtes Verdienst indessen ist die Gründung und Beaufsichtigung einer Knaben- und Mädchenschule, deren er sich mit dem regsten Eifer annimmt. Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit eine kleine aber doch wichtige Differenz in den Anordnungen verschiedener Schulen zu berühren. Hier in Kaposvar verrichten die Kinder täglich das Morgen- und Abendgebet, unter Aussicht der Lehrer und in schöner Ordnung, in der Schule, und besuchen die Synagoge blos am Sabbat; in Weißenburg hingegen muffen Lehrer und Schüler täglich in der Synagoge beten, während in großen Gemeinden weder das Eine noch das Andere geschiehet. — Unbestreitbar ist die zarte Jugend am Geeignetsten dazu, religiöse Eindrücke aufzunehmen und für die ganze Lebensdauer zu bewahren und am Besten erhält sie Solche beim öffentlichen Gottesdienste; allein dieser muß in Wahrheit seinem hohen Zwecke entsprechen, er muß durch innere Würde und äußere Form auf das jugendliche Gemüth wirken können. Dies aber gehört bei uns größtentheils leider noch zu den Piis desideriis. Selbst da, wo bereits schon ein verbesserter Kultus eingeführt wurde, prangt derselbe mehr als Pracht- und Schaustück für Sabbat- und Feiertage, alle übrigen Tage des Jahres hingegen