Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-27 · Heft 40 (27.9.1847) · p. Seite 601

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 40 (27.9.1847)
Date
1847-09-27
Page
Seite 601 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225538--08880-3239718
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

601 das diese in ihrem ganzen Werthe schätzt und ehrt, das auf die sittliche und geistige Bildung der Gemeinde bereits den entschiedensten Einfluß äußert und in Zukunft einen noch reichern Segen offenbaren wird. Korrespondenz. Kaposvär in Ungarn, 25. Zuni. Ein Reisebericht. Diesmal, Verehrtester Herr Redakteur! muffen Sie sich, statt einem trocknen Berichte, mit einer flüchtigen Reiseskizze begnügen und ich hoffe Sie werden derselben in Ihrem geschätzten Blatte eine Stelle nicht versagen. Ist es doch Ihre schöne Aufgabe, die Bewegungen im Judenthume nach allen Richtungen zu erspähen und dem öffentlichen Leben zu übergeben, warum sollten Ihnen Beitrage hierzu auf einer Reise von Kaposvar nach Pesth gesammelt nicht eben so willkommen sein als Berichte über Ungarn, die, oft genug, ohne dem wirklichen Leben entnommen zu sein, blos am Schreibpulte entworfen sind? — Bevor ich aber an die nähere Beschreibung meiner Reise gehe, muß ich Sie mit dem Zwecke derselben bekannt machen. Seit dem denkwürdigen Landtage von 1840 beseelt ein neuer Geist den ungarischen Israeliten. Eine wohltätige Gahrung hat im Innern desselben begonnen, welche zu den schönsten Erwartungen berechtigt. Er ist bereits zu der Ueberzeugung gelangt, daß, wahrend Alles um ihn her zu einem regen Wirken erwacht, er allein nicht mehr in seinem gewohnten lethargischen Schlafe verharren darf; er allein darf nicht länger als starre Antike dastehen, wahrend Alles um ihn her sich zu einem frischen, jugendlichen Leben entwickelt. Während der Zeitgeist mit reißender Schnelligkeit über alle veralteten Unebenheiten und Auswüchse dahineitt, darf der Israelit allein nicht mehr in seiner schwerfälligen Landkutsche fortschleichen. Fest muß er die Speichen der rollenden Zeit umklammern, um, im raschen Umschwünge, zur Höhe des modernen Seins zu gelangen. Die erste Wirkung des erwachten Bewußtseins war das tiefgefühlte Bedürfniß, seiner Jugenderziehung eine andere und bessere Richtung zu geben. Wie ein elektrischer Funke durchzuckte es die Gemüther Einzelner wie ganzer Gemeinden und allenthalben siehet man an die Stelle des bisherigen Privatunterrichtes oder der sogenannten Eheders mehr oder weniger zweckmäßige, mehr oder weniger dauerhafte Schulen entstehen, in welchen unsere Jugend eine mehr zeitgemäße Bildung erhalten soll. Ob sie eine Solche wirklich erhält, oder unter den bis jetzt obwaltenden Umständen je erhalten wird, ist freilich eine Frage, deren Beantwortung der Zeit überlassen bleiben muß. Wir wissen eigentlich noch gar nicht recht, was wir aus unserer Jugend herausbilden sollen! In früherer Zeit war dies freilich ein Kinderspiel. Biblisches und talmudisches Wissen wurde eingebläuet, im Lesen, Schreiben und Rechnen nothdürftiger Unterricht ertheilt und hiermit war die Erziehung vollendet. Jetzt aber ist es ganz anders. Niemand, selbst der eingefleischteste Orthodoxe, will nunmehr aus seinem Sohne einen Talmudisten, sondern ganz etwas anderes machen; allein wer nur recht wüßte was dieses „etwas anderes" eigentlich sein solle? — Daher ein ewiges Schwanken in unseren Wünschen, Anordnungen, Schul- und Erziehungsplänen. Für den einstigen Handels- oder Gewerbsmann geschiehst zu viel, für den bloßen Dilettanten zu wenig, und den künftigen Staatsdiener — ja diesen müssen wir noch in anderen Welttheilen suchen. — Indessen kommt Zeit kommt Rath. Genug, wir sehen allenthalben Schulen entstehen und so lange werden wir vergeblich herumtappen, bis wir endlich doch den Nagel auf den Kopf treffen werden. Auch hier in Kaposvär hat sich seit 1840 mit der Gemeinde zugleich eine solche Schule herangebildet, deren Oberleitung mir anvertraut ist. Mit dem Amte giebt Gott auch Verstand, sagt ein altes deutsches Sprichwort; allein trotz dieser neuen Zugabe an Verstand weiß ich mich noch immer nicht in meinem Amte zurecht zu finden. Ich weiß noch immer nicht die ewigen Widersprüche zwischen Forderungen und Leistungen auszugleichen, oder, bei dem gänzlichen Mangel einer höhern Autorität und den vielfachen, oft böswilligen Launen der Einzelnen, irgend etwas Dauerhaftes zu gründen und fast mit jedem Semester befürchte ich, nach dem Vorspiele in mehren ungarischen Gemeinden, die Auflösung auch unsrer kaum m’6 Leben getretenen Lehranstalt. Es ist hier meine Absicht nicht, mich in ein Näheres über die Schwierigkeiten und Mängel, mit welchen die israelitischen Schulen Ungarns noch zu kämpfen haben, einzulaffen, da ich mich darüber bereits öfters in einem öffentlichen Blatte ausgesprochen habe. Einer der vorzüglichsten Schwierigkeiten muß ich indessen doch erwähnen, 40*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.