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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-27 · Heft 40 (27.9.1847) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 40 (27.9.1847)
Date
1847-09-27
Page
Seite 599 (sequence 7)
Language
German
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599 fähn'ges Ohr fand, da, wo man solches kleinliche Getriebe hätte abweisen sollen. Aerger wurde diese Partei wol nicht konsternirt, als daß der Advokat G. (nebenbei gesagt der einzige rechtsgelehrte Jude, der in Baiern noch unter König Mar zur Advokatur gelassen wurde) dieser Tage sein gestorbenes Söhnchen scziren ließ und die Beerdigung 48 Stunden lang verschob. Dieser unerhörte Fall, der erste in Baiern und im deutschen Judenthume, setzte alle Rechtgläubigen in Aufregung. Die Bruderschaft aus denselben, welche alle Beerdigungen übernimmt, war außer sich und hielt mehrere Bcrathungcn über den, eine Menge bisher getreulich gepflegter Norurtheile über den Hausen werfenden Vorfall. Vergebens waren alle Bemühungen; sie scheiterten an willensfähiger Konsequenz, und zuletzt fügte man sich doch in das Unabwendbare. Herkömmliche Gebräuche, zum Lheil durch Privilegien geschützt, haben in Baiern dem Auftreten der intelligenteren Juden schwer zu beseitigende Schranken gesetzt; das Wagestück, diese offen zu überspringen, wird lohnender sein, als alle die Reibungen und daraus hervorgehenden endlosen Prozesse. (Fr. I.) Oesterreich. PreHburg, Mitte August. (Ungarische Briefe. III.) Wicwol ich persönlich nicht die Ehre habe, ein Anhänger der talmudischen Orthodoxie zu sein; so waren die verstorbenen Großwürdenträger derselben meine Lehrer, und bin ich so viele Jahre mit den noch lebenden Koryphäen dieser Schule in freundschaftlicher Verbindung gestanden, daß Sie bei mir eine genaue Bekanntschaft mit deren Grundsätzen und Lehren ohne Bedenken voraussetzen dürfen. Ich darf es dagegen wol mit Recht erwarten, daß Ihr unparteiisches Organ auch dieser Richtung gestatten werde, ihre Ansichten unumwunden darzulegen. Wird ja diese Darlegung, wie ich hoffe, selbst für Ihre deutschen Leser nicht ohne Interesse sein! Wenn Sie mit Manchen, die sich bei uns zu den Verehrern unsers sel. Rabbiners Sofer zählen, über die auch von dessen Söhnen befolgten Tendenzen zu Rede kommen; wenn Sie es als tadelnswcrth und verwerflich bezeichnen, daß diese Tendenzen der Wissenschaft und der europäischen Bildung so seindfelig den Krieg erklärt so werden Sie dies von Ihren Gegenmännern bald lauter, bald leiser in Abrede stellen I hören. Es ist dies Folge der Unklarheit über die eigenen Prinzipien; zuweilen auch Mangel an Muth, seine Meinung einem Andersdenkenden gegenüber geltend zu machen. Die Einsichtigen und Entschiedenen wissen und fühlen es recht gut, daß die Verpönung der Wissenschaft gerade den Keim, das Lebenselement ihres Systems bildet. Und — wäre dem nicht also? — Wäre ich Laie im Talmud, wären mir die rabbinischen Kasuisten nicht zugänglich; ich würde meine Antwort auf diese Frage durch folgendes Räsonnement bestimmen lassen. Es ist zwar unbestreitbar, daß die neueren Rabbincn besser lateinisch und griechisch verstehen, als die Heroen des Pilpuls, die ihnen vorangegangen. Auch ein gründlicheres Verständniß der Bibel mag ihnen zugestanden werden. Daß sie aber den Talmud und die Poskim besser verstehen, — das kann ich unmöglich glauben. Wenn also Männer, die im Studium des Talmuds ergraut sind, die mit ihren Gedanken und Gesinnungen, mit ihrer Lebensansicht und Weltanschauung im Talmud wurzeln, — wenn solche Männer — sag' ich — unumwunden behaupten und lehren, daß sich der Talmud mit der modernen Wissenschaftlichkeit durchaus nicht vertrage; daß die Beschäftigung mit den Schriftwerken der nichtjüdischen Literatur unfehlbar zum Abfall vom Glauben der Väter führen müsse; — verdienen sie weniger Glauben als unsere Doktoren der Philosophie, deren Bewußtsein von so vielen nicht-talmudischen Elementen geschwängert ist? Sollen diese Zöglinge deutscher Universitäten für die Träger der talmudischen Tradition gelten, und nicht jene Frommen, die ja ganz und gar in der talmudischen Welt leben und weben und sind? — Mir, nach meiner individuellen Meinung, kann es absurd, unsinnig, ja sündhaft und sträflich scheinen, wenn ein Volkslehrer es mit vollem Bewußtsein darauf anlegt, diejenigen, die seiner geistigen Pflege empfohlen sind, in einer totalen Unwissenheit über Alles zu erhalten, was dem Menschen im sozialen und bürgerlichen Leben zu wissen nothwendig ist. Es kann nur unsinnig und sträflich scheinen, wenn Volkslehrer darauf ausgehen, eine Verwahrlosung und Verkrüppelung im Volke zu hegen und zu pflegen, die am Ende die traurigsten Folgen nach sich ziehen müssen. Es muß mir frei stehen, also zu denken. Ob aber die Rabbinen zu Nehardea und Pumbeditha, zu Toledo und Regensburg, zu Krakau und Preßburg eben so gedacht

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