Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-27 · Heft 40 (27.9.1847) · p. Seite 594

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 40 (27.9.1847)
Date
1847-09-27
Page
Seite 594 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225538--08873-3239711
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

594 Weit wichtiger ist uns das Zeugniß, welches uns die Handlungsweise Englands für das Umsichgreifen humaner Ansichten, für den Fortschritt der Ideen liefert. Hören wir das bedeutendste Organ der englischen Presse, die „Times", wie es sich vor den Wahlen über die Iudenfrage ausdrückte. „Binnen wenigen Tagen — äußert jenes Blatt — wird die Stadt London sich über die Frage zu erklären haben, ob ein Jude geeignet sei, im Parlamente einen Sitz einzunehmen.... Es ist wol kein Ort so passend, als Guildhall, eine Abstimmung aufzuzeichnen, welche die letzte jüdische Unfähigkeit von Seiten des Volkes aufzuheben oder zu bestätigen bestimmt wäre. Ist es wünschenswerth, daß das im englischen Volke seinen Ursprung habende Parlament mit einem bestimmten Ausdrucke des Nationalwillens über einen Gegenstand, der ohne Zweifel die Nationalehre betrifft, bedacht werde, so ist die Stadt London gewiß der Ort, wo dieser Wille sich am Treuesten ausdrücken kann. Und wenn die Eigenschaften eines einzelnen Kandidaten nothwendiger Weise mit den abstrakten Verdiensten des von demselben vertheidigten Grundsatzes gleichen Schritt halten sollen, so denken wir, daß Herr von Rothschild den Vergleich mit jedem andern jetzt vor dem Publikum stehenden Kandidaten aushalten kann. Es giebt nur einen begreiflichen Grund, warum man die Juden aus dem Parlament ausschließen sollte, den angeblichen Widerspruch nämlich, daß ein Nicht-Christ für Christen Gesetze mache. Jedoch wenn das Argument gegen den Volksvertreter gilt, so muß es auch gegen den Kommittenten gelten. Denn wie? Ein Jude kann Wähler sein und folglich ursprünglich die gesetzgebende Funktion ausüben; ec kann aber nicht gewählt werden und dieselbe Funktion in einer mehr abgeleiteten Weise ausüben. — Die gegen Gleichstellung der Juden protestirende Partei möge diesen Widerspruch erklären, die Abgeschmacktheit rechtfertigen." Folgen wir nun dem israelitischen Kandidaten auf die Hustings, wo er nicht von der Opposition, sondern von dem Präsidenten des Ministerrathes eingeführt wird, und verweilen wir einen Augenblick bei diesem sonderbaren Umstande, in dem eigentlich das Geheimniß der englischen Macht und Größe enthalten ist. Die Völker sind nur dadurch groß, daß sie Träger zeitgemäßer Ideen sind. Jeder andere Glanz ist eitel und vergänglich. Fragen wir aber, was Englands Größe in der jetzigen Zeit begründet, so lautet die Antwort: „Die Emanzipation der Katholiken, die Abschaffung der Sklaverei, die Anerkennung naturgemäßer Grundsätze der Staatsökonomie in den inneren wie in den äußeren Verhältnissen des Verkehrs, Reformen im Post- und im Steuerwesen, endlich als Seitenstück zur Emanzipation der Katholiken die Emanzipation der Juden oder — um besser zu sagen — religiöse Duldung " Alle diese Ideen aber, anstatt in der Regierung einen Feind zu finden, sind in England in den Händen großer Staatsmänner glänzende Regierungsmittel geworden. Man hat sich nicht gescheut, zu sagen, daß Rothschild seine Wahl durch seinen ungeheuer« Einfluß erzwungen habe. Wir glauben kaum, daß Rothschilds Reichthümer genügen könnten, um die Stadt London zu bestechen; und wäre dies auch möglich — wie? hätte Lord John Russell, der königlich reiche Lord John, sich zu einem solchen Handel verstanden? Wie? Lord John, den Baron Rothschild vorführend, wäre ein feiler Staatsmann, nicht der Träger einer großen Idee, und 7000 Wähler, die aufgeklärtesten und wohlhabendsten der Welt, waren seine feigen Mitschuldigen gewesen? Man muß beschränkt sein, wie der „Standard", um darauf nur hinzudeuten! Doch hören wir Lord John Russell auf den Hustings; seine eigenen Worte sagen mehr, als jede Vertheidigung! Die Wahl, die Sie eben getroffen haben" — spricht Lord John, auf Baron Rothschild hindeutend — „ist ein Sieg der Grundsätze der religiösen Freiheit.... Die Folgen dieser Wahl auf das Parlament werden nicht ausbleiben, und Letzterm wird in der nächsten Session der Ruhm zu Theil werden, das große soziale Gebäude der bürgerlichen, kommerziellen und religiösen Freiheit zu vollenden!" Persönliche Freundschaft, feite Gefälligkeit konnten dem großen Staatsmanns diese schönen Worte nicht entlocken; das konnte nur der allmächtige Geist der Zeit, der Lord John Russell beseelt und die Vertreter der Nation, zu welcher er sprach. Gleich nach der Erwählung des Herrn v. Rothschild zu einem Sitze im Parlamente wurde die Frage angeregt, ob die gesetzgebende Gewalt dem Willen des Volkes und dem Geiste der Zeit nachgeben würde. Das „Morning- Chronicle" deutete auf den Widerspruch hin, der darin liege, die Juden zu den Wahlen, aber nicht zum Parlamente zuzulassen, ihnen als Magistratspersonen, als Sheriffs, als Returning-Ofsicers die Verwaltung der Gesetze anzuvertrauen, aber von der Gesetzgebung sie auszuschließen. „Gehört nicht diese ausgeschlossene Sekte zu den ordentlichsten, ruhigsten, gehorsamsten, loyalsten Unterthanen Ihrer Majestät der Königin? veranlaßt sie je Bewegungen? machte sie je Ansprüche auf Unterstützungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.