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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-20 · Heft 39 (20.9.1847) · p. Seite 589

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 39 (20.9.1847)
Date
1847-09-20
Page
Seite 589 (sequence 9)
Language
German
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589 Hand, rollte auf das Eis, und schleuderte den eben zusammengebrachten Inhalt auf die Straße. Da konnte der Knabe sich nicht mehr fassen, laut wimmerte er, Thränen rollten ihm aus den Augen ... er bückte sich, aber die erstarrten Finger versagten ihm den Dienst.... Einige Gaffer sammelten sich um ihn herum, und blickten ihn an, und thaten in ihrer blöden Neugier Nichts. Da trat ein Weib aus der Thüre des Nachbarhauses, und fuhr dazwischen, und hob die umhergesallenen Viktualien aus, und das Körbchen, und schalt die Leute: „Was steht ihr und guckt, und helft dem armen Jungen nicht! Was thut's, der wird noch ein großer Mann, und ihr seid Nichts, und gar Nichts. Komm, Züngle, Du machst doch schöne Gedichte, und hast erst die schöne Prämie auf dem Examen bekommen, und die können da Alle Nichts.... Komm, ich will Dir Deine Sachen wieder rein machen, und warme Dich bei mir.... Du wirst schon Alle 'mal auslachen, war doch Dein Vater ein gelehrter Mann...." So führte sie ihn an den warmen Ofen, erquickte ihn mit einer Tasse Kaffee, reinigte ihm das beschmutzte Fleisch, ordnete sein Körbchen, und legte ihm heimlich noch etwas Gutes hinein, und da sie einmal im Gutesthun darin war, daß ihr eine Thräne über sich selbst in ihr Auge quoll, nahm sie einen wollenen Shawl, der wahrhaftig noch keine drei Löcher hatte, nahm ihn und wickelte ihn um den Hals des Knaben, und steckte die Zipfel ihm in die Brust. Dann sprach sie: „Nun, Jaköbchen, nun eile nachheim, denn Deine Mutter wird auf Dich warten." Das begriff der Knabe, der sich wie neugeboren fühlte, nahm eilends das Körbchen, dankte, und war verschwunden. Zu Hause erzählte er aber Nichts davon, sondern zeigte nur den Shawl, den ihm die Frau neben dem Scharren geschenkt habe. Wie hatte sich sonst die liebende Mutter betrübt! Unterdeß war aber auch der jüngste Knabe, Moritz, entsandt worden. Ec hatte eine andre Mission. Die Sorge für die nächsten Tage drückte sehr. Langst war das Stundengeld des ältesten Sohnes im Voraus entnommen und verzehrt; und bis zum Ersten des Monats war noch eine lange Zeit. In der Stille der Nacht war der bedrängten Frau die Erinnerung gekommen an einen Schüler ihres verstorbenen Mannes. Ein Waisenknabe war jener gewesen, ein gänzlich verlassener, und ihr Gatte hatte sich seiner in früher Jugend angenommen; hatte seinen Prinzipal überredet, den Knaben mit in's Haus zu nehmen, um mit seinen eigenen Kindern unterrichtet zu werden. Dann, als ihr Mann dieses Haus verlassen, und selbstständig nach dem Orte gezogen, wo er sich häuslich niederließ, hatte er den Knaben mit sich geführt, und so lange erzogen, bis er in ein Handlungshaus eintreten konnte. Da hatte er sich im Laufe der Jahre durch glückliche Ereignisse hinaufgeschwungen, und war jetzt ein begüterter Mann. Dessen gedachte sie, da sie erfahren, daß er vor wenigen Tagen von einer großen Reise zurückgekehrt sei. In der Frühe hatte der älteste Sohn einen rührenden Brief geschrieben, worin er die traurige Lage der Familie schilderte, und bat, sich ihrer anzunehmen. Diesen Brief in die Hände des Adressaten zu spediren, war die Mission des jüngsten Knaben, des Moritz. Die nöthigen Instruktionen waren gegeben, ihm eingeschäcft, Nichts zu verlieren, und seines Weges gerade zu gehen. Leichtmüthig, wie der zehnjährige Knabe war, und unverzagt, war er mit einigen Sprüngen zur Thüre hinaus, und rief: „Ich will's schon machen, und komme bald wieder." Der Weg war zurückgelegt, das Haus gefunden, das Zimmer des Nabob erfragt. Das Bürschchen klopft, man ruft herein. „Guten Morgen, ein Kompliment von meiner Mutter!" „Wer ist Deine Mutter?" fragte der schlafrockbekleidete Mann, indem er den Jungen von oben bis unten betrachtete. „Das steht auch im Brief," sprach der Kleine, bückte sich und spielte mit dem klaffenden Hündchen des Herrn. Der aber mochte die Natur des Briefes muthmaßen, ging unwillig zum Fenster, öffnete und las den Brief. „Der kann noch nicht gut lesen, und müßte noch 'mal in die Schule gehen," dachte der harrende Knabe, da der Mann so lange zögerte, und er es bald überdrüssig geworden, mit dem Hunde zu spielen. „Hm! hm!" räusperte sich der Mann, nachdem er den Brief noch eine Zeit lang in der Hand gehalten, und ihn endlich auf den Tisch warf — „sage Deiner Mutter, es thate mir leid, ich wäre aber jetzt nicht bei Kasse"... „So geht's uns gerade auch!" sprach der Kleine, und warf die Thüre zu. „Naseweises Volk!" rief der Mann, und trat zu seinem Schranke, sich in sein Kassabuch vertiefend. Kennst Du, mein Leser, eine getäuschte Hoffnung in der drängendsten Noth? Einen, mit Freude ergriffenen, als einen Rettungsanker erfaßten Gedanken der Hilfe, der sich nunmehr als leer und vergeblicherwiesen? Und wenn sich hierzu das Bewußtsein gesellt, einen begründeten Anspruch, ein wahrhaftes Recht darauf gehabt zu haben? und wenn dabei die Undankbarkeit, die Vergessenheit früherer Wohlthaten sich zu Tage leget? Das chut 39*

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