Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 39 (20.9.1847)
- Date
- 1847-09-20
- Page
- Seite 583 (sequence 3)
- Language
- German
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583 thums muß zuletzt sein Fundament Ln dem Bewußtsein seiner Geschichte finden, und das Bewußtsein des Juden als Solchen wird immer nach seinem geschichtlichen Bewußtsein suchen, und in ihm besondere Befriedigung erlangen. Auch hier ging die neuere Literatur zunächst vom Leben aus; Predigt und Schullehrbuch waren die nächsten, vom Leben geforderten Bedürfnisse, und an diese knüpfte die Literatur ihre Fäden, um die neuere Richtung der Bearbeitung des jüdischen Bewußtseins aufzunehmen und zu verfolgen. Die jüdische Predigt selbst entwickelte sich dem gemäß; als sie erstand, war sie ein fremdes Kind, das daher im alten Hause nur das Allgemeinste zum Vorschein brachte. Moral- und Gottlehre ganz allgemein, ohne irgend spezifischen Charakter, machte ihren Inhalt aus. Die Zuhörer sollten strikte nur erbaut werden, und so stand die Predigt als ein sehr äußerliches Moment dem so überaus spezifisch gefärbten jüdischen Gottesdienst gewissermaßen gegenüber, ohne innern Zusammenhang. Aber allmälig, je mit der überhand nehmenden Bewegung in der Synagoge selbst, mußte die Predigt den Reflex dieser in sich aufnehmen. Die Lehre und die Geschichte des Judenthums mußten immermehr sie durchdringen, und ihr zu bestimmtem Charakter verhelfen. Die Predigt wurde die Basis, nicht des Gottesdienstes, sondern der Synagoge. Diese vertheidigte sich, ihren Bestand in der Predigt; und so wurde die Predigt der Anfang der neuen Richtung: das weltgeschichtliche Bewußtsein des Judenthums herauszuardeiten, zu erwecken, zu begründen. Allerdings war die Predigt einerseits beschrankt hierin, denn ihre Form und ihr Zweck legten ihr hier Bedingungen auf, die weder Gründlichkeit der Ausführung, noch eine umfassende solche zuließen; andrerseits hatte sie den Vortheil, unmittelbar auf die Masse zu wirken, und so der Hebel zu einem neuen jüdischen Leben, welches mehr innerlich, als in Formen besteht, zu werden. — Du verlangest nicht, Dir hier eine weitläufige Aufzählung, wenn auch nur der gediegensten homiletischen Arbeiten zu geben. Es ist ein großer, breiter Strom. Allerdings nimmt, je mehr die homiletische Befähigung unter den Juden zunimmt, die Veröffentlichung von Predigten ab; doch werde ich Dich in einem besondern Briefe über die hervorstechendsten Erscheinungen noch unterhalten. — Nicht minder förderte das Bedürfniß eine große Masse von Schullehrbüchern, Katechismen, Leitfaden u. dgl. zu Tage, in denen gleichfalls die Richtung von allgemeiner Auffassung bis zur spezifischen, in allen ihren Stufen und Schattirungen, von Peter B e e r' s und Joetson's Lehrbüchern bis zu denen von Salom. Pleßner und Auerbach in Darmstadt, bemerklich ist. Die Predigt und das Schulbuch mußten auch hier ihren Uebergang in eine höhere und weitere, in selbstständige und unbedingte Bearbeitung nehmen. Bon hier ab trennten sich aber der Lehrinhalt und die Geschichte, um erst später zu einer höher« Einigung zu gelangen. Der Lehrinhalt des Judenthums mußte zunächst an die Philosophie, dann an die anderen bestehenden Religionen herantreten und sich mit ihnen vergleichen. Abstand und Zusammenhang von diesen klar zu machen, mußte nächste Aufgabe sein. Und so erzeugte die Literatur hierin mehre Werke, welche den Anfang machten, den Lehrinhalt des Judenthums theils isolirt, theils im Vergleich und Zusammenhang mit den philosophischen Doktrinen und dem Inhalt der anderen positiven Religionen, zu bearbeiten. Man kann es nicht anders sagen, als daß diese Bestrebung noch keinen rechten Fortbau erlangen will. Das Leben reißt die Geister zu sehr fort, als daß es ihnen gegenwärtig zur intensiv theoretischen Betrachtung Ruhe vergönnte, und das jüdische Publikum hat noch nicht höhere Bildung genug, um in größeren Maßen seine Fühlfaden danach auszustrecken. So ist hier Alles noch Bruchstück, und die Schriften Steinheim's, Formstecher's und Sam. Hirsch' haben erst das Gebiet abgesteckt, um es zukünftiger Bearbeitung vorzuzeichnen. Die Geschichte nun mußte eine besondere Beachtung gewinnen. Je mehr man aus der speziellen Kritik sich heraussehnte, und das Bewußtsein erwachte, je weniger aber die Geister zur Spekulation schon geneigt und befähigt waren, desto mehr man daher den Inhalt des Judenthums frisch weg annahm, wie er einmal dasteht — desto eher mußte man sich gedrungen fühlen, dieses Bestandes des Judenthums in der Geschichte sich zu vergewissern. Gerade darum sind in der jüngsten Zeit die geschichtlichen Arbeiten beliebt und zahlreicher geworden. Das große geschichtliche Werk von Jost war noch eine Arbeit des isolirten Gelehrten, sie stand noch außerhalb des neu erwachten Lebens, und gewann erst in diesem seine Wichtigkeit, aber nicht seine Richtung. Daß sich in jüngster Zeit derselbe gedrungen fühlte, auch die neueste Zeit in einen geschichtlichen Rahmen zu bringen, war eine Folge seiner Bestrebungen. An diese reihete sich jüngst eine Arbeit von Herzfeld über das babylonische Exil, so wie von Salvador über die zweite Zer-