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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-20 · Heft 39 (20.9.1847) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 39 (20.9.1847)
Date
1847-09-20
Page
Seite 582 (sequence 2)
Language
German
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582 Ringens und Strebens nach einem Neuern ist, das zwar noch nicht deutlich hervorgetreten, das aber wenigstens schon alles Bestehende in Frage stellt. Nichts unbegründet annehmen, und über Alles bestimmte Rechenschaft haben will: so kann die Literatur kein ruhiges Gesellschaftszimmer der Gelehrten sein, wie in früheren Zeiten, sondern Leben und Literatur durchwirken sich gegenseitig; die Literatur empfangt vom Leben ihren Anstoß, und dieses von jener Nahrung und Förderung; jene kann sich von diesem nicht trennen, und dieses empfängt willig von dieser Eindrücke, die, oft unbewußt, im Leben zur Gestaltung werden. Darum wird die Literatur in unsrer Zeit wesentlich ihre Richtung und ihren Charakter vom Leben selbst empfangen haben, und aus den bewegenden Elementen des wirklichen Lebens werden die Erzeugnisse der Literatur ihre beste Enträthselung erhalten. Nebenbei bemerkt, wirst Du es aus denselben Gründen gerechtfertigt finden, wenn ich, auf die Erfüllung Deines Wunsches bedacht, diese Skizzen als „leitende Artikel" in diesen Blättern hinstelle. Die Literatur ist eben keine gesonderte Rubrik mehr, die zu den Anhängen des Lebens gehört, sondern steht mitten in diesem, vielfach sogar demselben voran. Jedermann wird voraussetzen, daß die Richtung der neuern jüdischen Literatur wesentlich eine kritische geworden. Aber diese Kritik mußte keine allgemeine, sondern eine ganz spezifische sein. Die Entwickelung der Juden forderte eine Umgestaltung des Kultus; es wurde ein Bedürfniß des Lebens, Vieles von alter Sitte und Satzung abzustrcifen, vieles Verlebte aufzugeben, und dadurch sowol die Uebung der religiösen Formen im Leben zu erleichtern, als auch der Religion eine neue einwickende Kraft auf die Gemüthec zu eröffnen. In den Vordergrund trat hier der Gottesdienst, dann diejenigen Formen, welche, unabhängig vom Individuum, die Verbindung der Synagoge mit dem Leben des Individuums enthalten, wie Trauung, Chaliza, Get rc., zuletzt die das Individuum selbst betreffenden, die Speisegesetze, Trauergebrauche, Sabbatgesetze rc. Dies war daher der Ausgangspunkt der neuern jüdischen Literatur, mit der Bildung des Hamburger Tempels beginnend. Es handelte sich darum, die Berechtigung der einzelnen in Frage gekommen Formen nachzuweisen; diese konnte nur so aufgefunden werden, daß man ihre Geschichte erforschte, und diese kritisch durcharbeitete. Dieser Inhalt und Gegenstand der jüdischen Literatur bildete eine Zeitlang das vorherrschende Element derselben, und ist noch gegenwärtig ein wesentlicher Theil ihrer Bestrebungen. Die Spezialkritik der jüdischen Liturgie, wenn man unter diesem Namen Alles was religiöse Form km weitesten Sinne, dem Lehrinhalt gegenüber, begreift, nimmt einen großen Raum der neuern jüdischen Literatur ein. Hier war also der nächste Verbindungspunkt zwischen dem Leben und der Literatur, und wenn die Letztere hie und da weiter ging, als jenes gerade erforderte, wenn sie selbstständig bearbeitete, wozu sie von jenem den Anstoß bekommen, so that sie nur, was ihres Amtes. Die vielen Streitschriften in Sachen des Hamburger Tempels bis auf die über die berliner Reformgenossenschast, die vielen Gutachten in diesen, wie in der Beschneidungsfrage, in der breslauer Rabbinerfrage, die Kommissionsberichte und Protokolle der drei Rabbinerversammlungen, unzählige Aufsätze und Artikel in den Zeitschriften, zahllose Broschüren, die Arbeit Zunz' über die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, die meisten Schriften Holdheims, Raph. Hirsch' u. A. haben diesen Gegenstand zum Inhalte und bilden schon eine starke Bibliothek für sich. Abgeschloffen kann natürlich dieses Gebiet noch nicht sein, da die Bewegung in den religiösen Formen des Judenthums noch lange nicht zu Ende ist, und Streitfragen immer von Neuem sich erheben müssen. Im Grunde genommen ist dies Alles nur eine neu erwachte Bearbeitung der Halacha, eine neue Sammlung von rnto — an einer systematischen Bearbeitung fehlt es noch, nur daß man sagen kann, daß sich neuerdings die Angelegenheit mehr prinzipiell herausarbeitet, so daß Prinzipien und ihre natürlichen Scheidungen schon sichtbar werden. Genügen konnte zuletzt diese Richtung nicht mehr. Der Kritik, deren Hauptinhalt die Negation, muß man nach und nach überdrüssig werden, und hingegen das Bedürfniß des Geistes nach Positivem wach werden. In einer Zeit, wo im Allgemeinen die religiöse Form überhaupt minder Achtung und Innerlichkeit für den Geist der Menschen besitzt; in einer Zeit zugleich, wo die Juden in den allgemeinen Verband des geistigen Lebens getreten, und daher das Judenthum immerfort mit den anderen Religionen und der Philosophie in Vergleichung trat: mußte man auch auf den Lehrinhalt desselben hingewiesen sein, und sich überhaupt das Judenrhum wieder zum Bewußtsein ringen. Das Bewußtsein des Judenthums ist aber ein zwiefaches, sein Lehrinhalt und seine Geschichte. Das Bewußtsein der Lehre des Juden-

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