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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-13 · Heft 38 (13.9.1847) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 38 (13.9.1847)
Date
1847-09-13
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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574 eine neue Figur zum Vorschein kommt; es ist eine Theatergarderobe, wo sich die Anzüge für alle Helden und Komiker, vom höchsten Pathos wie vom gemeinsten Harlekin, gemischt vorsinden. An jeder Ecke, wo du stehen bleibst, kannst du das Gegentheil von dem vernehmen, was du an der vorigen hörtest; nur ein Schritt, und du bist vom polnischen Chassid zum begeistertsten Reformer; hier poltert man, predigt man gegen alle Umgestaltung, daß du die Reformer für kirchenschänderische Heiden hältst; dort demonstrirt man dir die Nothwendigkeit der Reform, daß du die Konservativen für die Vatermörder der Religion hältst; dort eilt man zum ^b«n-Machen, 70p 1122 or rc>, hier hörst du das alte „was thut mer damit?" in der modernen Phrase: „die Religion ist nur ein Kleid, eine Form." Und wer wird sich darüber wundern, sobald man weiß, wie Berlin groß wurde und immer größer wird? Nicht das wirre Schwirren und Gelärm in der großen Synagoge, nicht die lautlose Stille im Reformtempel — daß dort ein frequenter Markt dir erscheint, hier du das Herz stille gestanden glaubst — kann dich wundern, denn es kommen immer wieder welche, die schwirren wollen im Gotteshause, und welche, die verstummen wollen in ihm. Ob nun die durch das neue Gesetz verordnete Verfassung hier helfen und einen regelmäßigem Bestand produziren werde? Ich glaube es nicht. Nirgend reicht die Macht der Form aus, wo das Leben widersteht. Das Leben der berliner Gemeinde kann aber kein regelmäßiges sein, weil sie zu unregelmäßige Elemente enthält, die keine Fuge, keine Handhabe haben, um in einander gepaßt zu werden. Und dann kann ja das neue Gesetz, so sehr es sich auch das Ansehn giebt, keine tabula rasa voraussetzen oder bewirken. Was einmal da ist, ist da, und die Schwere seiner Existenz wird alle Einheit erdrücken. Aus Oettinger, Rosenstein, Sachs, Zunz, Holdheim, Auerbach rc. läßt sich wirklich kein Rabbinat bilden, aus dem Vorstand, den Repräsentanten, dem Reformkomite, den Chebrotgabaim rc. keine Behörde machen, und doch will Alles existiren, und hat ein Recht dazu, weil es existirt, und einen Boden hat. Das neue Gesetz wird 7 Vorsteher und 21 Repräsentanten und eben so viele Stellvertreter einsetzen, wird ein, in ganz allgemein abgefaßtcn Bestimmungen bestehendes Statut Hervorrufen — und dann wird Alles so bleiben, wie es ist, weil es nicht anders sein kann; Jeder wird seine Kräfte üben in seinem Kreise; Jeder sich nach einem andern Kreise sehnen; und viele Kreise werden bleiben, ohne daß in ihnen Kräfte find, oder geübt werden. Was das soziale Leben betrifft, so muß man die verschiedenen Momente desselben trennen. In gewerblicher Beziehung sind die Juden sehr fortgeschritten; wir haben hier viele und ausgezeichnete Handwerker und Künstler; daß dabei Vieles zugleich den Charakter des Handels annimmt, liegt in der allgemeinen Richtung in einer Stadt wie Berlin, wo jedes Handwerk auch den Luxus betreiben muß, und ist bei Jude und Christ gleicherweise der Fall. Daß aber überhaupt eine noch übergroße Zahl der Juden den Handel betreibt, entspringt schon aus dem übergroßen Einzug, denn die Meisten, die hierher ziehen, thun dies des Handels wegen. Auch in bürgerlicher Beziehung kann man zufrieden sein; der Jude nimmt hier an allem Oeffentlichen und Allgemeinen einen höchst regen Antheil, der sich immerfort steigert, und in vielen Juden erhält die Kommune die rüstigsten und unermüdlichsten Werkzeuge. Weniger ist dies in gesellschaftlicher Beziehung der Fall. Sobald man davon der gleißnerischen Seite abstrahirt, daß viele Beamte es sich an den wohlbesetzten Tafeln der reichen Juden sehr gut schmecken lassen, daß die Literaten die Häuser der jüdischen Buchhändler besuchen, da sie in diesen die Spediteure ihres Ruhmes erblicken, und ähnliche Verhältnisse -so lebt Jude und Christ gesellschaftlich hier sehr getrennt. Dies wird bewirkt dadurch, daß man erstens kein Bedürfniß fühlt; Jeder findet seinen Kreis, in welchem er seine gesellschaftliche Geltung nicht erst zu suchen hat, und verlangt daher wenig nach anderen, wo er sich erst einen Platz erobern müßte. Zweitens durch die Größe der Judengemeinde. Wo ein sehr kleiner Körper einem sehr großen gegenübersteht, da drängt sich von Natur jener an diesen, und dieser öffnet sich leicht, jenen aufzunehmen. Wo aber zwei große Körper sich gegenüberstehen: da besitzen sie Selbstständigkeit für sich, und schließen sich daher um so mehr gegenseitig aus, sind und bleiben sich fremd. Endlich kann man auch nicht leugnen, daß die berliner Christen altes Vorurtheil und abstoßende Gesinnung gegen die Juden gerade in gesellschaftlicher Hinsicht noch lange nicht überwunden haben, und hinwiederum die Sucht zu glänzen, die Großthuerei, der Luxus, welche viele, sehr viele

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