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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-13 · Heft 38 (13.9.1847) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 38 (13.9.1847)
Date
1847-09-13
Page
Seite 573 (sequence 9)
Language
German
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573 in der Rheinprovinz das Gesetz vom II. März 1812 nicht giltig war — jedenfalls das westphälische Gesetz galt, welches den Juden das Lehramt an den Universitäten sicher gestattete! Breslau, 28. August. Am 24. d. M. waren 46 Deputirte aus den verschiedensten israelitischen Gemeinden unsrer Provinz hier eingetroffen, um über die neue Ordnung der jüdischen Angelegenheiten gemeinsam zu berathen. Man kam darin überein, daß man in Betreff der Bildung von Synagogengemeinden der Regierung mit Vorschlägen entgegenkommen wolle, daß die kleineren Gemeinden sich freiwillig und in gutem Einverständniß zu Synagogenverbänden vereinigen und der Regierung zur Bestätigung vorlegen wollen. Auch in Betreff der Wahl von Kultusbeamten wurde eine allgemeine Norm festgesetzt, die bei der Ausarbeitung der Statuten der künftigen Synagogengemeinden Berücksichtigung finden soll. Erfreulich ist es, daß in Bezug auf den letzten Gegenstand sämmtliche Beschlüsse fast einstimmig im Sinne des Fortschritts gefaßt worden sind. Berlin, 1. September. (Privatmitth.) Von den hiesigen Verhältnissen der Juden ein klares Bild zu entwerfen, würde wol an die Unmöglichkeit grenzen. In der hiesigen Judenschaft mischen sich alle Jahrhunderte, alle Elemente, alle Ueberzeugungen und alle Gewohnheiten. Komme wer will nach Berlin, und er findet seines Gleichen. Denn Berlin ist das Nordamerika der preußischen und angrenzenden Juden. Hierhin begiebt sich, wer anderswo verunglückt ist, wer anderswo seinen Bedarf nicht vollständig fand, wer nach Größerem strebt, und das Meer der Spekulation befahren will, wer anfangen will, aber mit dem Willen, groß zu werden, wer vergnügungssüchtig ist und Wohlleben will, wer ein Haus ausmachen und der größer» Welt näher stehen will, wer Vermögen hat, aber auch unter die Reichen gezählt sein — kurzum vom Schiffbrüchigen bis zu dem, der „sein Schäfchen in's Trockne gebracht", vom hungernden Schüler bis zum Spekulanten in Millionen — Alle ziehen nach Berlin, entvölkern die Provinz, und bilden aus der berliner Judenschaft ein ungeheures Babel. Ob es ihnen glückt? ob sie ihre Wünsche erfüllt sehen? ob nicht Viele nach kurzer Zeit sich wieder zurücksehnen, aber nicht zurückkönnen, weil sie ihre Schiffe verbrannt haben? ob nicht Viele hier untergehen, und verlieren, was sie mitgebracht? Dies sind freilich andere Fragen, aber deren Beantwortung der Zuströmung schwerlich wehren würde, also unnütz ist. Die Geschichte hat dies öfter schon gezeigt. In einer Zeit, wo Solidität, Mäßigkeit, patriarchalische Sitte, bürgerliche Beschränkung geschwunden sind, wo Alles fluktuirt, wo Alles von unruhigem Streben und Haschen, insonders nach Vermögen und Genuß beherrscht ist — da strömt man nach großen Zentralstadten, da verlaßt man die Ruhe und Stille der Provinz, um „sein Glück zu machen" in überschwemmten Hauptplätzen — bis irgend eine große Umwälzung eintritt, welche den alten Hang der Menschheit sich zu zerstreuen wieder erweckt. Da wir aber keine prophetische Gabe besitzen, und die Anzeichen einer solchen großen Umwälzung nicht zu erkennen vermögen — so müssen wir einstweilen die jüdische Gemeinde zu Berlin wachsen und wachsen lassen wie eine Schneelawine. Leicht aber wird, wer das Obige in's Auge faßt, einsehcn, daß an eine sogenannte „Entwickelung" dieser Gemeinde nicht zu denken ist. Es wundern sich so oft die Leute, wenn sie auf Berlin blicken, daß da, wo das Licht der jüdischen Aufllärung aufgegangen, Alles wirre und untereinander ist, zwar tüchtige Institute bestehen, aber ohne Zusammenhang und Jneinandergreifen, ja daß der Maßstab einer regelmäßigen Organisation und geschichtlichen Entwickelung gar nicht angelegt werden dürfe. Mein Gott, was leben für Individuen von der hiesigen Gemeinde, wie Viele werden von ihr besoldet, oder ziehen doch ihren Unterhalt aus ihr — aber Keiner hat einen bestimmten Kreis, Keiner eine durchgreifende Wirksamkeit, Jeder ist Alles und Nichts, vom Oberrabbiner (?) bis zum letzten Schammesch. Jeder hat nur eine Privatstelle, und sein Arm reicht so weit eben, wie er reichen kann, oder wie er ihn ausstrccken will. Dies ist aber Alles sehr natürlich. Die berliner Judenschaft war von Anfang an kein Organismus, der die Dinge, die er verschluckt, verdaut — sondern nur ein Stein, ein Mineral, an den sich von außen immer mehr Theile ansetzten, wunderlich sich ankrystallisirten, so daß nun ein Gemisch von allen Mineralien und Chemikalien dasteht, die Niemand klassisiziren kann. Wer nach Berlin kommt, bringt seine Gemeinde und seinen Ritus mit, und so findet sich — Alles in Berlin. Es ist ein Kaleidoskop, wo bei jeder Umdrehung 38*

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