Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 38 (13.9.1847)
- Date
- 1847-09-13
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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569 Anschauung erlangen, so schlagen Sie sich gefälligst vor Allem eine Karte von Ungarn auf. An der westlichen Grenze, wo die Donau wieder zwischen konstitutionelle Felder und Wiesen tritt, finden Sie unsere Krönungs- und Landtagsstadt mit den Trümmern eines alten, aus dem neunten Jahrhundert stammenden Schlosses, und mit den Trümmern einer noch aus früheren Jahrhunderten stammenden rabbinischen Rechtgläubigkeit. Haben Sie nun die Güte, hier — südlich von unsrer Stadt — ein Lineal anzulegcn, und an demselben eine schräge Linie zu ziehen, welche ungefähr in der Gegend von Brod an der Grenze Siebenbürgens mündet. Und nun merken Sie Folgendes: Nordöstlich von dieser Linie wohnen zwei Dritttheile der ungarisch-jüdischen Bevölkerung; südwestlich ein Dritttheil. Dort sind die älteren und größeren Gemeinden, hier die kleineren *) und jüngeren. Dort ist der Sitz der talmudischen Orthodoxie, des verfolgungssüchtigen Fanatism, des chassidäischen Aberglaubens; hier der Anfang zivilisirender Versuche, reformistischer Bestrebungen, moderner Aufklärung. Dort ist das Reich der Rabbinen nach polnischem Vorbilde; hier steigt das neue deutsche Rabbinerthum immer mehr im Ansehen. Dort wird die rabbinische Autonomie, die in Ungarn überhaupt noch nicht gesetzlich abgeschafft ist, an vielen Orten noch kräftig gehandhabt; hier ist die Autorität der Rabbinatskollegien schon tief gesunken. Dort ist für die Erziehung der Jugend nur blutwenig geschehen, — nur die hiesige Primärschule und die Schule zu St. Nikolaus sind von einigem Belange; — hier ist das Schulwesen bereits in einem merklichen Aufschwünge begriffen. Dieser Gegensatz zwischen dem Nordosten und Südwesten wird Sie nicht befremden, wenn Sie bedenken, daß die kleineren und jüngeren Gemeinden auch in Ihrem Deutschland viel leichter zu einem Fortschritte zu bewegen waren, als die größeren und älteren. Dazu kommt noch der Umstand, daß unsere südwestlichen Gemeinden sich eines viel größer» Wohlstandes erfreuen, als in den nordöstlichen; die Armuth war aber von jeher eine gewaltige Stütze des Rabbinism, wie der Reichthum häufig sein Gegner war, daher denn auch unsere weisen Rabbiner lehren, daß der Heilige — gelobt sei er — keinen Zustand für Israel so zu- *) Nur Pesth ist hier auszunehmen, wo die jüdische Bevölkerung ungefähr 20,000 Seelen beträgt. träglich gefunden habe, als den der Armuth (Chag. 9, b)! Und nach einem alten Sprichworte soll dem Juden die Armuth so gut stehen, wie eine rothe Decke einem weißen Rosse (ibitl.). Jndeß würden Sie sehr irren, wenn Sie glaubten, daß unsere nordöstliche Schule keine reichen Gönner und Freunde habe. Unsere hiesigen Reichen, welche sich — abgesehen von der rothen Decke — in dem talmudischen Sprichworte wiedersinden dürsten, sind die eigentlichen Streitroffe unsrer Orthodoxie. Sic sind die willigen Handlanger Hirsch Lehren's in Amsterdam; die Offiziere ersten Ranges beim Stabe des treuen Nachtwächters auf Zions Mauern; die bittersten Feinde der Versammlung deutscher Rabbiner; die prvzeßrüstigen Anführer der nordöstlichen polnischen Mützen gegen die südwestlichen neumodischen Hüte. — Ja, Mützen oder Hüte! das ist eigentlich bei uns die Frage aller Fragen. Oberflächlich betrachtet scheint cS sich freilich um andere Fragen zu handeln. Ob der Almemor in der Mitte der Synagoge stehen müsse, — ob der Trauakt unter einem Dache, oder gar in der Synagoge vorgenommcn werden dürfe, — ob derungarifch-nationelle Schnurbart als antijüdisch zu betrachten sei, — ob die Jungfrauen bei ihrem Eintritte in das eheliche Leben ihr Haupthaar abschneiden sollen, und wie die Torten an Festtagen zu transchiren seien, — das sind freilich Dinge, die bei uns sehr lebhaften Erörterungen unterzogen werden; ja sicherm Vernehmen nach soll der alte Streit zwischen den sel. Rabbinen Sofer und Eger, ob es den Bekennern der jüdischen Religion überhaupt erlaubt sei *), einen Kamm an das Haupthaar zu legen, zwischen mehren unserer Rabbinen gegenwärtig sehr lebhaft geführt werden, und die Mehrzahl soll den „Kampelmachern" eben nicht sehr geneigt sein; allein die Frage aller Fragen bleibt doch immer die: Mützen oder Hüte! Oder mit anderen Worten: sollen die neumodischen, studirten, mit weltlichen Kenntnissen mehr oder weniger vertrauten Rabbinen, — die nach europäischer Weise Hüte tragen, — zu Rabbinaten zugelassen werden; oder soll die Herrschaft der Mützen-Geonim ungeschmälert fortdauern, welche mit den alten Geonim das *) S. die grundgelehrten Abhandlungen darüber in Chasam-Soser No. 139. 140. Daß hier Besorgniß vor Verletzung der Peoß (rONS) obwalte, errathet der Kundige wol von selbst.